Che­mi­ka­li­en­po­li­tik für Umwelt und Gesund­heit – Was jetzt zu tun ist

Che­mi­ka­li­en­po­li­tik für Umwelt und Gesund­heit – Was jetzt zu tun ist

Marie Jung, Lena Tisch­ler

DOI: 10.5281/zenodo.23105005

Zusam­men­fas­sung

Che­mi­ka­li­en sind aus unse­rem All­tag nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie ste­cken u. a. in Kos­me­tik, Lebens­mit­teln, Ver­pa­ckun­gen, Klei­dung oder Elek­tro­nik. Jedoch ent­wi­ckeln sich Umwelt­che­mi­ka­li­en welt­weit zu einer wach­sen­den Gefahr für Umwelt und Gesund­heit: Die glo­ba­le Pro­duk­ti­on syn­the­ti­scher Che­mi­ka­li­en steigt rasant an – und damit auch die Men­ge und Viel­falt der Stof­fe, die in die Umwelt gelan­gen. Wel­che Dimen­si­on die­se Ent­wick­lung inzwi­schen erreicht hat, zeigt das Kon­zept der pla­ne­ta­ren Gren­zen: Für neu­ar­ti­ge Sub­stan­zen („novel enti­ties“), zu denen Che­mi­ka­li­en, Kunst­stof­fe und ihre Zusatz­stof­fe zäh­len, gilt die Gren­ze bereits als über­schrit­ten. Das bedeu­tet, dass die Pro­duk­ti­on und Frei­set­zung die­ser Stof­fe ein Aus­maß erreicht hat, das ein Risi­ko für die Sta­bi­li­tät des Erd­sys­tems und damit auch für die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen des Men­schen birgt.

Beson­ders rele­vant für unse­re Gesund­heit sind dabei hor­mon­ak­ti­ve Stof­fe, soge­nann­te „endo­kri­ne Dis­rup­t­o­ren“ (Endo­cri­ne Dis­rupt­ing Che­mi­cals, EDCs). Sie grei­fen in das mensch­li­che Hor­mon­sys­tem ein und ste­hen Stu­di­en zufol­ge u. a. mit Beein­träch­ti­gun­gen der Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit, Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen sowie hor­mon­ab­hän­gi­gen Krebs­for­men in Ver­bin­dung. Die gesund­heit­li­chen Risi­ken sind dabei ungleich ver­teilt: Beson­ders vul­nerabel sind Men­schen in sen­si­blen Ent­wick­lungs­pha­sen wie Schwan­ger­schaft oder Früh­kind­heit. Zudem beein­flus­sen sozio-öko­no­mi­sche Fak­to­ren, wie stark Men­schen belas­tet sind und wie gut sie sich schüt­zen kön­nen.

Die wach­sen­de Belas­tung durch Umwelt­che­mi­ka­li­en ist dabei auch ein volks­wirt­schaft­li­cher Fak­tor: Allein die EDC-beding­ten Gesund­heits­kos­ten in der EU belau­fen sich auf über 160 Mil­li­ar­den Euro jähr­lich, wäh­rend eine kon­se­quen­te Regu­lie­rung im Ver­gleich deut­lich güns­ti­ger wäre. Prä­ven­ti­on ist damit auch öko­no­misch die über­le­ge­ne Stra­te­gie.

Trotz­dem bleibt die euro­päi­sche Che­mi­ka­li­en­po­li­tik hin­ter die­ser Erkennt­nis zurück: Die Reform der zen­tra­len EU-Che­mi­ka­li­en­ver­ord­nung REACH (Regis­tra­ti­on, Eva­lua­ti­on, Aut­ho­ri­sa­ti­on and Rest­ric­tion of Che­mi­cals) wur­de vor­erst aus­ge­setzt, ein EU-wei­tes Ver­bot der beson­ders lang­le­bi­gen per- und poly­fluo­rier­ten Alkyl­sub­stan­zen (PFAS, „Ewig­keits­che­mi­ka­li­en“) ist noch nicht beschlos­sen. Zudem könn­ten die Über­gangs­fris­ten für man­che Anwen­dun­gen bis in die 2040er Jah­re rei­chen. Län­der wie Däne­mark und Frank­reich zei­gen mit natio­na­len PFAS-Ver­bo­ten für aus­ge­wähl­te Pro­duk­te bereits, dass natio­na­les Han­deln mög­lich ist. Deutsch­land trägt als einer der größ­ten Che­mie­pro­du­zen­ten der Welt beson­de­re Ver­ant­wor­tung – und hat die Mög­lich­keit, auf EU-Ebe­ne wie natio­nal vor­an­zu­ge­hen.

Emp­feh­lun­gen

Bun­des­po­li­ti­sche Ebe­ne:

  • Auf­la­ge eines natio­na­len Akti­ons­plans zu endo­krin wirk­sa­men Che­mi­ka­li­en
  • Prü­fung natio­na­ler Schutz­maß­nah­men bei Ver­zö­ge­run­gen auf EU-Ebe­ne
  • Stär­kung des Voll­zugs des Che­mi­ka­li­en­rechts
  • Ver­bes­se­rung des Schut­zes beson­ders belas­te­ter und vul­nerabler Grup­pen
  • Stär­ke­re Sen­si­bi­li­sie­rung der Öffent­lich­keit zum Schutz der Gesund­heit

EU-Ebe­ne:

  • Ver­schär­fung statt Auf­wei­chung der EU-Che­mi­ka­li­en­ver­ord­nung (REACH)
  • Grup­pen­ba­sier­te Regu­lie­rung und Ein­be­zug von Mischungs­ef­fek­te
  • Kon­se­quen­te Anwen­dung des Essen­ti­al-Use-Kon­zepts und geschlech­ter­ge­rech­te Umset­zung der euro­päi­schen Che­mi­ka­li­en­stra­te­gie für Nach­hal­tig­keit (CSS)
  • Ambi­tio­nier­te Umset­zung des glo­ba­len Rah­men­werks für Che­mi­ka­li­en (GFC)

1. Umwelt­che­mi­ka­li­en: Eine unter­schätz­te Gefahr für Umwelt und Gesund­heit

Che­mi­ka­li­en sind aus unse­rem All­tag und aus zen­tra­len gesell­schaft­li­chen Berei­chen wie Medi­zin, Land­wirt­schaft, Ener­gie, Bau, Mobi­li­tät und Ernäh­rung nicht mehr weg­zu­den­ken. Wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­sen zei­gen jedoch, dass die che­mi­sche Ver­schmut­zung zu einer wach­sen­den glo­ba­len Gesund­heits­und Umwelt­ge­fahr gewor­den ist.¹, ² Die Pro­duk­ti­on syn­the­ti­scher Che­mi­ka­li­en hat sich seit 1950 etwa ver­fünf­zig­facht und wird sich Pro­gno­sen zufol­ge bis 2050 erneut verdreifachen.³ Ursäch­lich hier­für sind vor allem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung sowie die viel­sei­ti­gen tech­ni­schen Eigen­schaf­ten syn­the­ti­scher Che­mi­ka­li­en – etwa ihre Kos­ten­ef­fi­zi­enz, Lang­le­big­keit und geziel­te Funk­tio­na­li­tät (z. B. Wasser‑, Fett- oder Hit­ze­be­stän­dig­keit) –, die sie für immer mehr Bran­chen wie Land­wirt­schaft, Bau­we­sen, Elek­tro­nik oder Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on attrak­tiv machen.³ Der­zeit sind schät­zungs­wei­se 350.000 Che­mi­ka­li­en und che­mi­sche Gemi­sche auf dem Markt – vie­le davon nur unzu­rei­chend auf ihre Risi­ken für Mensch und Umwelt geprüft.⁴ Umwelt­che­mi­ka­li­en sind damit kein Rand­phä­no­men, son­dern ein zen­tra­ler, poli­tisch unzu­rei­chend adres­sier­ter Gesund­heits- und Umwelt­fak­tor mit erheb­li­chen gesell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Fol­ge­kos­ten, die dem wirt­schaft­li­chen Nut­zen ihres Ein­sat­zes gegen­über­ste­hen.

Hor­mon­ak­ti­ve Che­mi­ka­li­en im All­tag

Beson­ders rele­vant für Gesund­heit und Öko­sys­te­me sind hor­mon­ak­ti­ve Stof­fe, soge­nann­te „endo­kri­ne Dis­rup­t­o­ren“ (Endo­cri­ne Dis­rupt­ing Che­mi­cals, EDCs). Sie grei­fen in das hor­mo­nel­le Sys­tem von Men­schen und Tie­ren ein, indem sie z. B. Pro­duk­ti­on, Trans­port, Abbau oder Wir­kung kör­per­ei­ge­ner Hor­mo­ne stö­ren oder Hor­mon­re­zep­to­ren imi­tie­ren bzw. blockieren.⁵, ⁶ Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (World Health Orga­niza­ti­on, WHO) stuft EDCs daher bereits seit 2012 als zuneh­men­des Pro­blem für die glo­ba­le Gesund­heit ein.⁶ Über 1.000 Stof­fe gel­ten inzwi­schen als hormonaktiv.⁵ Da der Groß­teil der übri­gen Che­mi­ka­li­en nie sys­te­ma­tisch auf hor­mo­nel­le Aus­wir­kun­gen geprüft wur­de, dürf­te die tat­säch­li­che Zahl deut­lich höher liegen.⁵ Da Hor­mo­ne bereits in gerin­gen Kon­zen­tra­tio­nen wir­ken, kön­nen EDCs schon bei nied­ri­gen Dosen gesund­heit­li­che Effek­te aus­lö­sen. Die Dosis-Wir­kungs-Bezie­hung ver­läuft dabei oft nicht line­ar, wodurch klas­si­sche toxi­ko­lo­gi­sche Grenz­wert­kon­zep­te nur bedingt anwend­bar sind.⁵

Zu den wich­tigs­ten EDC-Stoff­grup­pen zäh­len Schwer­me­tal­le wie Blei und Arsen, per- und poly­fluo­rier­te Alkyl­sub­stan­zen (PFAS, soge­nann­te „Ewig­keits­che­mi­ka­li­en“), Bis­phe­no­le, Phtha­la­te (Weich­ma­cher) sowie zahl­rei­che Pestizide.⁵ Der Kon­takt mit EDCs erfolgt im All­tag über vie­le unter­schied­li­che Wege: über die Atem­luft – etwa durch Fein­staub im Außen­be­reich oder Flamm­schutz­mit­tel in der Innen­raum­luft –, über Haut­kon­takt mit Kos­me­ti­ka, Tex­ti­li­en oder Rei­ni­gungs­mit­teln, über das Trink­was­ser sowie über die Nah­rung, bspw. durch Pes­ti­zid­rück­stän­de oder Lebens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen (sie­he Abbil­dung 1). Fett­lös­li­che und per­sis­ten­te Che­mi­ka­li­en kön­nen sich zudem im Fett­ge­we­be von Tie­ren anrei­chern und wer­den dort nur lang­sam abge­baut, wes­halb tie­ri­sche Lebens­mit­tel stär­ker belas­tet sein kön­nen als pflanz­li­che. Nimmt etwa ein Fisch über sein Leben hin­weg kon­ti­nu­ier­lich klei­ne Men­gen einer sol­chen Che­mi­ka­lie auf, kann sich deren Kon­zen­tra­ti­on in sei­nem Kör­per­fett gegen­über dem Was­ser ver­viel­fa­chen – ein Effekt, der sich ent­lang der Nah­rungs­ket­te wei­ter ver­stär­ken kann.⁷ Auch lang­le­bi­ge Stof­fe wie PFAS, die nicht fett­lös­lich sind, rei­chern sich ent­lang der Nah­rungs­ket­te an: Je nach Lebens­mit­tel­ka­te­go­rie ent­hiel­ten zwi­schen 14 % (Fleisch) und 69 % (Fisch) der unter­such­ten Pro­ben min­des­tens eine der vier regu­lier­ten PFAS-Verbindungen.⁸

Die gesund­heit­li­chen Fol­gen betref­fen prak­tisch alle Organ­sys­te­me (sie­he Abbil­dung 2). Stu­di­en brin­gen EDCs u. a. mit Beein­träch­ti­gun­gen der Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit, Schwan­ger­schafts­kom­pli­ka­tio­nen, gestör­ter kind­li­cher Neu­ro­ent­wick­lung (z. B. ADHS, ver­min­der­ter IQ), Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen wie Adi­po­si­tas und Dia­be­tes, Herz­Kreis­lauf- und Immun­erkran­kun­gen sowie hor­mon­ab­hän­gi­gen Krebs­for­men wie Brust­und Pro­sta­ta­krebs in Verbindung.⁵ Beson­ders sen­si­bel sind bestimm­te Ent­wick­lungs­pha­sen mit hoher hor­mo­nel­ler Akti­vi­tät, in denen bereits gerin­ge hor­mo­nel­le Stö­run­gen lang­fris­ti­ge Fol­gen haben können.⁵, ⁹ Allein für bis­phe­nol­be­ding­te Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen schätzt eine aktu­el­le glo­ba­le Ana­ly­se einen Anstieg von 68 Mil­lio­nen Fäl­len im Jahr 2000 auf 127 Mil­lio­nen im Jahr 2024.¹⁰ Wie ver­brei­tet die Expo­si­ti­on in Deutsch­land ist, zeigt eine Unter­su­chung des Umwelt­bun­des­amts: Bis­phe­nol A war im Urin von 96 % der unter­such­ten Kin­der und Jugend­li­chen in Deutsch­land nachweisbar.¹¹

Umwelt­che­mi­ka­li­en

Als Umwelt­che­mi­ka­li­en wer­den Stof­fe bezeich­net, die durch mensch­li­ches Han­deln – etwa bei Her­stel­lung, Nut­zung oder Ent­sor­gung – in die Umwelt gelan­gen und dort Men­schen, Tie­re oder Öko­sys­te­me beein­träch­ti­gen kön­nen. Der Begriff umfasst sowohl künst­lich her­ge­stell­te Sub­stan­zen wie PFAS, Bis­phe­no­le oder Phtha­la­te als auch natür­lich vor­kom­men­de Stof­fe wie Schwer­me­tal­le, sofern die­se durch mensch­li­che Akti­vi­tät in umwelt­schäd­li­chen Men­gen frei­ge­setzt werden.⁴

Cock­tail-Effek­te und das Vor­sor­ge­prin­zip

Die Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Gesund­heits­ri­si­ken von EDCs wird durch meh­re­re Fak­to­ren erschwert. Men­schen sind im All­tag nie nur einer Che­mi­ka­lie, son­dern einem indi­vi­du­el­len Cock­tail aus bis zu meh­re­ren hun­dert Sub­stan­zen gleich­zei­tig ausgesetzt.¹3,¹⁴ Die­se kön­nen sich in ihrer Wir­kung addie­ren oder sogar gegen­sei­tig ver­stär­ken, sodass auch Kon­zen­tra­tio­nen unter­halb der für Ein­zel­stof­fe regu­la­to­risch fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te gesund­heits­schäd­lich wir­ken kön­nen – der soge­nann­te Cock­tail- oder Mischungs­ef­fekt. Zu den gesund­heit­li­chen Fol­gen sol­cher Misch­ex­po­si­tio­nen liegt bis­lang deut­lich weni­ger belast­ba­re Evi­denz vor als zu Ein­zel­stof­fen wie Bisphenolen.¹⁴ Da Sicher­heits­be­wer­tun­gen fast aus­schließ­lich Ein­zel­stof­fe betrach­ten, wird die­se Rea­li­tät wis­sen­schaft­lich wie regu­la­to­risch bis­lang unzu­rei­chend abgebildet.¹⁴, ¹⁵ Wis­sen­schaft­lerinnen und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen for­dern des­halb einen Mischungs­be­wer­tungs­fak­tor (Mix­tu­re Allo­ca­ti­on Fac­tor, MAF), der sol­che Kom­bi­na­ti­ons­wir­kun­gen künf­tig sys­te­ma­tisch in die Risi­ko­be­wer­tung ein­be­zie­hen soll.¹⁴, ¹⁶ Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat einen MAF bereits 2020 in ihrer Che­mi­ka­li­en­stra­te­gie als mög­li­ches Instru­ment benannt – umge­setzt ist er bis­lang jedoch nicht.¹⁷ Die Wis­sen­schaft­lerinnen schla­gen vor, den MAF nach dem Prin­zip eines soge­nann­ten „Risk Cup“ umzu­set­zen – ähn­lich wie bei einem CO₂-Bud­get müss­ten sich dann alle Stof­fe eine ins­ge­samt tole­rier­ba­re Belas­tung teilen.¹⁶ Hin­zu kommt, dass sich Erkran­kun­gen oft erst Jah­re oder Jahr­zehn­te nach der Expo­si­ti­on zei­gen. Da Men­schen zudem unter­schied­lich emp­find­lich reagie­ren und Erkran­kun­gen in der Regel mul­ti­fak­to­ri­ell bedingt sind, lässt sich oft nur schwer klä­ren, wel­che Expo­si­ti­on wann und in wel­chem Aus­maß zu einer Erkran­kung beiträgt.⁵

Wis­sen­schaft­li­che Unsi­cher­heit wird in der Che­mi­ka­li­en­re­gu­lie­rung häu­fig als Argu­ment gegen prä­ven­ti­ve Maß­nah­men ange­führt. Dabei ist das Vor­sor­ge­prin­zip aus­drück­lich im EU-Pri­mär­recht ver­an­kert und bil­det eine Grund­la­ge der EU-Umweltpolitik.¹8 Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on stellt klar: Es greift ins­be­son­de­re dann, wenn wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se kei­ne voll­stän­di­ge Risi­ko­be­wer­tung erlauben.¹⁹ Wis­sen­schaft­li­che Unsi­cher­heit steht daher vor­beu­gen­den Maß­nah­men nicht ent­ge­gen – im Gegen­teil: Sie kann prä­ven­ti­ves Han­deln sogar begrün­den.

Che­mi­ka­li­en­ver­schmut­zung als pla­ne­ta­re Kri­se

Die rasant stei­gen­de Pro­duk­ti­on und Frei­set­zung von Umwelt­che­mi­ka­li­en hat längst auch eine pla­ne­ta­re Dimen­si­on erreicht. Rock­ström et al. ent­wi­ckel­ten 2009 das Kon­zept der pla­ne­ta­ren Gren­zen – einen siche­ren Hand­lungs­raum für die Mensch­heit, inner­halb des­sen die Sta­bi­li­tät des Erd­sys­tems und damit mensch­li­ches Wohl­erge­hen erhal­ten blei­ben sol­len. Das Modell umfasst neun Belas­tungs­be­rei­che, dar­un­ter Kli­ma­wan­del, Inte­gri­tät der Bio­sphä­re und neu­ar­ti­ge Sub­stan­zen („novel entities“).²⁰ Die Gren­ze für neu­ar­ti­ge Sub­stan­zen – zu denen syn­the­ti­sche Che­mi­ka­li­en, Kunst­stof­fe und ihre Zusatz­stof­fe zäh­len – gilt nach aktu­el­lem Stand bereits als überschritten.³ Dabei geht es nicht um ein­zel­ne Schad­stof­fe, son­dern um die zuneh­men­de che­mi­sche Ver­än­de­rung des Erd­sys­tems ins­ge­samt: Viel­falt, Men­ge, Per­sis­tenz und welt­wei­te Ver­brei­tung syn­the­ti­scher Stof­fe über­stei­gen längst die Fähig­keit, ihre Aus­wir­kun­gen zu erfas­sen und zu kontrollieren.⁴ Die che­mi­sche Ver­schmut­zung ist damit – neben Kli­ma­wan­del und Bio­di­ver­si­täts­ver­lust – eine der drän­gends­ten pla­ne­ta­ren Kri­sen.

Beson­ders anschau­lich zeigt sich dies an der Plas­tik­ver­schmut­zung. Kunst­stof­fe gehö­ren zu den wich­tigs­ten men­schen­ge­mach­ten
Stoff­strö­men und wer­den in gro­ßen Men­gen pro­du­ziert, genutzt und freigesetzt.²¹ Ein Teil ent­steht als Mikro­plas­tik – Kunst­stoff­par­ti­kel unter fünf Mil­li­me­tern –, das über Was­ser, Nah­rung und Luft in die Umwelt und in den mensch­li­chen Kör­per gelangt.²² Eine aktu­el­le sys­te­ma­ti­sche Über­sichts­ar­beit kommt zu dem Schluss, dass Mikro­plas­tik die repro­duk­ti­ve, diges­ti­ve und respi­ra­to­ri­sche Gesund­heit beein­träch­ti­gen kann, auch wenn zu Expo­si­ti­on, Dosis und Lang­zeit­fol­gen wei­ter­hin Wis­sens­lü­cken bestehen.²³ Plas­tik­ver­schmut­zung ist damit nicht nur sicht­ba­rer Aus­druck der pla­ne­ta­ren Che­mi­ka­li­en­be­las­tung, son­dern zeigt auch die Schwie­rig­kei­ten, eine ste­tig wach­sen­de Zahl syn­the­ti­scher Mate­ria­li­en zu bewer­ten und zu regulieren.⁴, ²¹

Das Vor­sor­ge­prin­zip: Grund­la­ge der EU-Umwelt­po­li­tik

Das Vor­sor­ge­prin­zip ist einer der Grund­pfei­ler der EU-Umwelt­po­li­tik und aus­drück­lich in Arti­kel 191(2) des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on (AEUV) verankert.¹⁸ Es erlaubt der EU und ihren Mit­glied­staa­ten, vor­beu­gen­de Maß­nah­men gegen mög­li­che Gesund­heits- oder Umwelt­schä­den zu ergrei­fen, bevor ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang wis­sen­schaft­lich voll­stän­dig belegt ist.¹⁹ In bestimm­ten Fäl­len kann dabei auch die Beweis­last auf Her­stel­lerinnen oder Impor­teurinnen ver­la­gert werden.¹⁹

Che­mi­ka­li­en­ver­schmut­zung, Kli­ma­wan­del und Bio­di­ver­si­täts­ver­lust sind dabei kei­ne unab­hän­gi­gen Kri­sen, son­dern eng ver­knüpft und kön­nen sich gegen­sei­tig ver­stär­ken. Die che­mi­sche Indus­trie ist ener­gie- und roh­stoff­in­ten­siv und stützt sich stark auf fos­si­le Rohstoffe.²4 Die damit ver­bun­de­nen Treib­haus­gas­emis­sio­nen tra­gen erheb­lich zum Kli­ma­wan­del bei. Zugleich kann der Kli­ma­wan­del beein­flus­sen, wie bestimm­te Che­mi­ka­li­en in der Umwelt ver­teilt wer­den, wie lan­ge sie dort blei­ben, wie gif­tig sie sind und wie stark Men­schen mit ihnen in Kon­takt kommen.²5

Auch am Bei­spiel Plas­tik zeigt sich die­se Rück­kopp­lung. Die meis­ten Kunst­stof­fe wer­den aus Erd­öl hergestellt.24 Her­stel­lung, Nut­zung und Ent­sor­gung ver­ur­sa­chen mit rund 3,4 % der welt­wei­ten Treib­haus­gas­emis­sio­nen (2019) erheb­li­che Kli­ma­wir­kun­gen, wäh­rend der Kli­ma­wan­del die Mobi­li­sie­rung von Plas­tik­par­ti­keln auf meh­re­ren Wegen beein­flusst – neben Extrem­wet­ter­er­eig­nis­sen beschleu­ni­gen auch stei­gen­de Tem­pe­ra­tu­ren und ver­stärk­te UV-Strah­lung den Zer­fall von Plas­tik in Mikroplastik.²¹, ²⁶ Um die Plas­tik­ver­schmut­zung wirk­sam ein­zu­däm­men, braucht es zwei­er­lei: den Aus­bau von Ent­sor­gungs­sys­te­men in beson­ders betrof­fe­nen Län­dern und eine kon­se­quen­te­re Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me der Indus­trie­län­der. Denn auch Deutsch­land zählt zu den welt­weit größ­ten Expor­teurinnen von Plas­tik­müll und ver­la­gert so einen erheb­li­chen Teil sei­nes Abfalls in Län­der mit schwä­che­rer Entsorgungsinfrastruktur.²⁷ Ansatz­punk­te sind etwa eine erwei­ter­te Her­stel­lerinnen­ver­ant­wor­tung (Exten­ded Pro­du­cer Respon­si­bi­li­ty) und der Abbau von Abfallexporten.²¹ Umge­kehrt kön­nen auch Kli­ma­schutz­maß­nah­men neue che­mi­sche Belas­tun­gen erzeu­gen, wenn sie che­mi­sche Stof­fe und glo­ba­le Lie­fer­ket­ten nicht mit­den­ken: So ent­hal­ten zen­tra­le Tech­no­lo­gien der Ener­gie­wen­de wie Brenn­stoff­zel­len, Elek­tro­ly­seu­re oder Bat­te­rien bis­lang häu­fig PFAS.²⁸ Wirk­sa­mer Gesund­heits­schutz erfor­dert daher, Chemikalien‑, Kli­ma- und Bio­di­ver­si­täts­po­li­tik zusam­men­zu­den­ken.

2. Risi­ko­grup­pen geziehlt schüt­zen

Die gesund­heit­li­chen Risi­ken durch Umwelt­che­mi­ka­li­en sind in der Bevöl­ke­rung ungleich ver­teilt. Man­che Men­schen sind beson­ders gefähr­det, weil sie auf­grund ihrer kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, ihrer Lebens­be­din­gun­gen oder ihrer sozia­len Situa­ti­on stär­ker mit Schad­stof­fen in Kon­takt kom­men oder emp­find­li­cher dar­auf reagie­ren.

Bio­lo­gi­sche und expo­si­ti­ons­be­zo­ge­ne Vul­nerabi­li­tät

Bio­lo­gisch bedingt ist die Vul­nerabi­li­tät vor allem in Lebens­pha­sen mit star­ken hor­mo­nel­len Ver­än­de­run­gen erhöht, etwa in Schwan­ger­schaft und Früh­kind­heit, Puber­tät oder Wechseljahren.⁵ Vie­le EDCs, dar­un­ter PFAS und Bis­phe­no­le, kön­nen die Pla­zen­ta­schran­ke über­win­den und sich im Fötus anreichern.⁵ Neu­ge­bo­re­ne und Klein­kin­der ver­fü­gen zudem über unrei­fe Ent­gif­tungs­sys­te­me, etwa eine ein­ge­schränk­te Leber­ent­gif­tungs­ka­pa­zi­tät, wodurch Schad­stof­fe lang­sa­mer abge­baut werden.⁵ Vul­nerabler sind auch Men­schen mit Vor­er­kran­kun­gen. Men­schen, die bereits an Dia­be­tes, Herz­Kreis­lauf- oder Immun­erkran­kun­gen lei­den, reagie­ren auf zusätz­li­che Che­mi­ka­li­en­be­las­tun­gen emp­find­li­cher, da vor­ge­schä­dig­te Organ­sys­te­me über gerin­ge­re Kom­pen­sa­ti­ons­re­ser­ven verfügen.²9

Auch Art und Höhe der Expo­si­ti­on unter­schei­den sich zwi­schen Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Kin­der neh­men im Ver­hält­nis zu ihrer Kör­per­grö­ße bspw. mehr Luft und Nah­rung auf als Erwach­se­ne. Außer­dem erkun­den sie ihre Umwelt häu­fig mit dem Mund und haben öfter direk­ten Kon­takt mit dem Boden. Dadurch neh­men sie antei­lig mehr Schad­stof­fe auf. Hin­zu kom­men unter­schied­li­che Expo­si­ti­ons­mus­ter durch Pro­dukt­nut­zung: Kos­me­ti­ka, Kör­per­pfle­ge­pro­duk­te, Win­deln, Rei­ni­gungs­mit­tel oder Mens­trua­ti­ons­pro­duk­te sind rele­van­te Che­mi­ka­li­en­quel­len und wer­den von Bevöl­ke­rungs­grup­pen unter­schied­lich häu­fig genutzt.⁵, ³⁰ Geschlechts­spe­zi­fi­sche Fak­to­ren beein­flus­sen die Vul­nerabi­li­tät eben­falls. Frau­eni sind nicht nur wäh­rend Schwan­ger­schaft und Still­zeit beson­ders belas­tet, son­dern kön­nen über den gesam­ten Lebens­ver­lauf erhöh­ten Che­mi­ka­li­en­ex­po­si­tio­nen aus­ge­setzt sein – etwa durch die über­pro­por­tio­na­le Nut­zung der genann­ten Kos­me­tik- und Körperpflegeprodukte.³⁰, ³¹ Gleich­zei­tig betref­fen hor­mon­ab­hän­gi­ge Erkran­kun­gen wie Endo­me­trio­se, Schild­drü­sen­er­kran­kun­gen und bestimm­te Krebs­for­men Frau­en überproportional.⁵ Geschlechts­spe­zi­fi­sche Vul­nerabi­li­tät ergibt sich damit aus bio­lo­gi­schen Fak­to­ren eben­so wie aus Expo­si­ti­ons­mus­tern und gesell­schaft­lich gepräg­ten Lebens­be­din­gun­gen.

Sozia­le ud struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten

Dane­ben beein­flus­sen sozia­le und struk­tu­rel­le Bedin­gun­gen die Che­mi­ka­li­en­be­las­tung und die Mög­lich­keit, ihr aus­zu­wei­chen. Dabei darf jedoch nicht die ein­fa­che Annah­me getrof­fen wer­den, dass nied­ri­ge­rer sozio-öko­no­mi­scher Sta­tus grund­sätz­lich stär­ke­re Belas­tung bedeu­tet: Bei PFAS etwa kön­nen Men­schen mit höhe­rem Ein­kom­men stär­ker belas­tet sein – zurück­ge­führt u. a. auf den häu­fi­ge­ren Gebrauch hoch­prei­si­ger PFAS-hal­ti­ger Kon­sum­pro­duk­te wie Out­door­und Funk­ti­ons­tex­ti­li­en oder Anti­haft-Beschich­tun­gen –, wäh­rend ande­re Schad­stof­fe eher mit sozia­ler Benach­tei­li­gung ver­bun­den sind.³² So wie­sen Kin­der aus Haus­hal­ten mit einem nied­ri­gen sozio-öko­no­mi­schen Sta­tus im bun­des­wei­ten Human-Bio­mo­ni­to­ring höhe­re Kon­zen­tra­tio­nen von Abbau­pro­duk­ten des Weich­ma­chers Diethyl­he­xyl­phtha­lat (DEHP) auf als Kin­der aus Haus­hal­ten mit einem hohen sozio-öko­no­mi­schen Status.³³ Für Deutsch­land und Euro­pa zei­gen aktu­el­le Ana­ly­sen zudem, dass räum­li­che Nähe zu PFAS-belas­te­ten Gebie­ten und zu bestimm­ten Schad­stoff­quel­len ein wich­ti­ger Fak­tor für unglei­che Expo­si­tio­nen ist und stär­ker ins Moni­to­ring ein­be­zo­gen wer­den sollte.³², ³⁴ Auch beruf­li­che Expo­si­tio­nen – etwa in der Land­wirt­schaft, Rei­ni­gungs­bran­che, Fri­seur­hand­werk oder Gesund­heits­we­sen – tra­gen zur unglei­chen Belas­tungs­ver­tei­lung bei.³⁵ Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen bestim­men dabei nicht nur die Belas­tung, son­dern auch die Mög­lich­kei­ten, die­se zu ver­mei­den. In urba­nen Räu­men leben ein­kom­mens­ar­me Grup­pen häu­fi­ger in der Nähe poten­zi­el­ler Emis­si­ons­quel­len, etwa stark befah­re­ner Ver­kehrs­ach­sen, Indus­trie­an­la­gen oder ande­rer schad­stoff­emit­tie­ren­der Standorte.³³ Glo­bal sind Men­schen in länd­li­chen, ein­kom­mens­ar­men Regio­nen beson­ders von kon­ta­mi­nier­tem Was­ser und Pes­ti­zid­ein­satz betroffen.³⁶ Auch das Aus­wei­chen auf weni­ger belas­te­te Pro­duk­te hängt von Ein­kom­men, Infor­ma­ti­on und Ver­füg­bar­keit ab.³⁰, ³⁶ Die­se Fak­to­ren – bio­lo­gi­sche Emp­find­lich­keit, Expo­si­ti­on und sozia­le Lebens­be­din­gun­gen – wir­ken oft zusam­men: Eine schwan­ge­re Per­son, die in der Nähe einer belas­ten­den Indus­trie­an­la­ge lebt und dort arbei­tet, kann durch die Schwan­ger­schaft emp­find­li­cher auf bestimm­te Schad­stof­fe reagie­ren und gleich­zei­tig stär­ker mit ihnen in Kon­takt kom­men. Wenn zudem der Zugang zu Infor­ma­tio­nen, Schutz­maß­nah­men oder weni­ger belas­te­ten Pro­duk­ten ein­ge­schränkt ist, kön­nen sich die­se Belas­tun­gen wei­ter ver­stär­ken.

Umwelt-und Gesund­heits­ge­rech­tig­keit als Leit­prin­zip

Neben der Fra­ge, wer beson­ders vul­nerabel ist, stellt sich damit die Fra­ge, wie Umwelt­be­las­tun­gen und Schutz­mög­lich­kei­ten gesell­schaft­lich ver­teilt sind. Hier setzt das i Der Aste­risk (*) ver­weist dar­auf, dass neben cis­ge­schlecht­li­chen Frau­en auch trans, inter und nicht-binä­re Per­so­nen ein­ge­schlos­sen sind, die sich als Frau­en iden­ti­fi­zie­ren oder in ähn­li­cher Wei­se von frau­en­spe­zi­fi­schen Belas­tungs­struk­tu­ren betrof­fen sind. 9 Che­mi­ka­li­en­po­li­tik für Umwelt und Gesund­heit – Was jetzt zu tun ist Kon­zept der Umwelt­ge­rech­tig­keit an, das auf die fai­re Ver­tei­lung von Umwelt­be­las­tun­gen und ‑res­sour­cen sowie die Ver­mei­dung unver­hält­nis­mä­ßi­ger Belas­tun­gen bestimm­ter Grup­pen abzielt.³7,³⁸ Im Kon­text von Che­mi­ka­li­en bedeu­tet dies, nicht nur unter­schied­li­che Expo­si­ti­ons­ni­veaus sicht­bar zu machen und zu redu­zie­ren, son­dern auch die struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen zu betrach­ten, durch die Belas­tun­gen ent­ste­hen und ungleich ver­teilt wer­den. Die Per­spek­ti­ve der Gesund­heits­ge­rech­tig­keit geht dar­über hin­aus: Sie zielt dar­auf ab, allen Men­schen eine fai­re Chan­ce auf gesund­heit­li­ches Poten­zi­al zu geben und ver­meid­ba­re, unge­rech­te Unter­schie­de in Gesund­heit und ihren sozia­len Deter­mi­nan­ten zu verringern.³⁹ Für Umwelt­che­mi­ka­li­en bedeu­tet dies, neben Expo­si­ti­ons­un­ter­schie­den auch Unter­schie­de in bio­lo­gi­scher Vul­nerabi­li­tät, gesund­heit­li­chen Fol­gen und Zugang zu Prä­ven­ti­on und Schutz zu berück­sich­ti­gen (sie­he Abbil­dung 3). Dar­aus erge­ben sich unmit­tel­ba­re Kon­se­quen­zen für die Che­mi­ka­li­en­po­li­tik: Ein wirk­sa­mer Schutz kann sich nicht allein auf indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten ver­las­sen – gera­de vul­nerable Grup­pen haben nur begrenz­te Mög­lich­kei­ten, belas­te­te Pro­duk­te selbst zu erken­nen und zu mei­den. Prä­ven­ti­on muss des­halb an der Quel­le anset­zen, beson­ders belas­ten­de Stof­fe ver­mei­den und sen­si­ble Ent­wick­lungs­pha­sen sowie expo­nier­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen berück­sich­ti­gen. Regu­lie­rung und Moni­to­ring müs­sen zudem kumu­la­ti­ve und unter­schied­li­che Expo­si­tio­nen erfas­sen, statt sich allein am durch­schnitt­li­chen Erwach­se­nen und der Wir­kung ein­zel­ner Stof­fe zu ori­en­tie­ren.

3. Nicht­han­deln ver­ur­sacht hohe Kos­ten

Die beschrie­be­nen Gesund­heits­ri­si­ken sind nicht nur ein medi­zi­ni­sches, son­dern auch ein öko­no­mi­sches Pro­blem. Wer­den Che­mi­ka­li­en erst regu­liert, nach­dem gesund­heit­li­che und öko­lo­gi­sche Schä­den ein­ge­tre­ten sind, wer­den erheb­li­che Fol­ge­kos­ten – durch Erkran­kun­gen, Behand­lung und Reha­bi­li­ta­ti­on, Pro­duk­ti­vi­täts­ver­lus­te, Schä­den an Öko­sys­te­men sowie die Sanie­rung belas­te­ter Böden und Gewäs­ser – auf die All­ge­mein­heit, das Gesund­heits­we­sen und künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen ver­la­gert.

Gesund­heits- und Umwelt­kos­ten in Mil­li­ar­den­hö­he

Allein die Gesund­heits­kos­ten durch EDC­Ex­po­si­ti­on in der EU wer­den auf jähr­lich über 160 Mil­li­ar­den Euro geschätzt. Berück­sich­tigt wer­den dabei u. a. Behand­lung und Reha­bi­li­ta­ti­on sowie Pro­duk­ti­vi­täts­ver­lus­te infol­ge von Fort­pflan­zungs­stö­run­gen, neu­ro­lo­gi­schen Fol­gen, Dia­be­tes, Adi­po­si­tas und Endo­me­trio­se – Erkran­kun­gen, zu deren Ent­ste­hung EDCs bei­tra­gen können.⁴⁰. Die Autor*innen der zugrun­de lie­gen­den Stu­die wei­sen dabei aus­drück­lich dar­auf hin, dass die Schät­zung kon­ser­va­tiv ange­legt ist: Berück­sich­tigt wur­den nur EDCs mit beson­ders belast­ba­rer wis­sen­schaft­li­cher Evi­denz für einen ursäch­li­chen Zusam­men­hang – die tat­säch­li­chen Kos­ten dürf­ten daher eher höher liegen.⁴⁰ Neben den Gesund­heits­kos­ten ver­ur­sa­chen Che­mi­ka­li­en erheb­li­che öko­lo­gi­sche Schä­den: Pes­ti­zi­de tra­gen zwar kurz­fris­tig zur Stei­ge­rung land­wirt­schaft­li­cher Erträ­ge bei, schä­di­gen jedoch zugleich Bestäu­ber­in­sek­ten, die zur Bestäu­bung von rund drei Vier­teln aller Nutz­pflan­zen­ar­ten bei­tra­gen – wodurch sie an ande­rer Stel­le zu Ertrags­ein­bu­ßen füh­ren können.⁴1 Hin­zu kom­men Gewäs­ser­be­las­tung und der Ver­lust von Bio­di­ver­si­tät und Öko­sys­tem­leis­tun­gen und damit zusätz­li­che gesell­schaft­li­che Kos­ten. Dazu zäh­len direk­te Kos­ten wie höhe­re Gebüh­ren für die Trink­was­ser­auf­be­rei­tung, bspw. bei Nitrats­be­las­tung des Grund­was­sers, eben­so wie indi­rek­te Kos­ten durch genau die­se Ertrags­ein­bu­ßen sowie den Ver­lust von Öko­sys­tem­leis­tun­gen, deren Fol­gen von Wirt­schaft und Gesell­schaft getra­gen werden.⁴² Beson­ders deut­lich wird die öko­no­mi­sche Dimen­si­on am Bei­spiel der PFAS: Laut einer aktu­el­len Stu­die im Auf­trag der EU-Kom­mis­si­on ver­ur­sa­chen allein vier bereits regu­lier­te PFAS-Stof­fe Per­fluo­roc­tan­säu­re (PFOA), Per­fluo­roc­tan­sul­fon­säu­re (PFOS), Per­flu­or­he­xan­sul­fon­säu­re (PFHxS) und Per­fluor­non­an­säu­re (PFNA) Gesund­heits­kos­ten von etwa 40 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr. Hin­zu kom­men jähr­lich rund 4 Mil­li­ar­den Euro für die Sanie­rung kon­ta­mi­nier­ter Böden und Gewäs­ser. Ohne zusätz­li­che Regu­lie­rung könn­ten sich die PFAS-beding­ten Schä­den in Euro­pa bis 2050 auf rund 440 Mil­li­ar­den Euro sum­mie­ren, ein Pro­duk­ti­ons- und Nut­zungs­stopp könn­te davon etwa 110 Mil­li­ar­den Euro vermeiden.⁴3 Bereits die­se vier längst regu­lier­ten Ein­zel­stof­fe zei­gen damit im Klei­nen, was für Umwelt­che­mi­ka­li­en ins­ge­samt gilt: Je län­ger eine wirk­sa­me Regu­lie­rung aus­bleibt, des­to höher die ver­meid­ba­ren Fol­ge­kos­ten.

Öko­no­mi­sche Vor­tei­le der Regu­lie­rug

Die Kos­ten der Che­mi­ka­li­en­be­las­tung trägt­mo­men­tan über­wie­gend die Gesell­schaft, nicht die Ver­ur­sa­chen­den. Eine Inter­na­li­sie­rung wür­de bedeu­ten, dass Hersteller*innen für die Fol­gen ihrer Pro­duk­te auf­kom­men: Dadurch wür­den Pro­duk­te mit schäd­li­chen Che­mi­ka­li­en teu­rer, wäh­rend siche­re­re Alter­na­ti­ven wett­be­werbs­fä­hi­ger wür­den. Damit ent­stün­de ein Markt­an­reiz für die Reduk­ti­on gefähr­li­cher Che­mi­ka­li­en in Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on, den der­zei­ti­ge Regu­lie­rungs­lü­cken aller­dings unter­gra­ben.
Den hohen Kos­ten des Nicht­han­delns ste­hen ver­gleichs­wei­se gerin­ge Regu­lie­rungs­kos­ten gegen­über. Eine Eva­lua­ti­on der EU Che­mi­ka­li­en­ver­ord­nung REACH (Regis­tra­ti­on, Eva­lua­ti­on, Aut­ho­ri­sa­ti­on and Rest­ric­tion of Che­mi­cals; sie­he Kapi­tel 4) von 2016 bis 2020
zeigt, dass der gesell­schaft­li­che Nut­zen che­mi­ka­li­en­po­li­ti­scher Maß­nah­men die Kos­ten deut­lich über­steigt: Die Kos­ten für Beschrän­kun­gen und den Umstieg auf siche­re­re Alter­na­ti­ven wer­den auf rund 0,5 Mil­li­ar­den
Euro jähr­lich geschätzt. Dem­ge­gen­über ste­hen gesund­heit­li­che und öko­lo­gi­sche Vor­tei­le von über 2,1 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr und damit ein Nut­zen, der etwa vier­mal höher ist als die Kosten.⁴4 Aus wirt­schaft­li­cher Sicht spricht daher vie­les für eine stren­ge­re Che­mi­ka­li­en­re­gu­lie­rung: Sie redu­ziert Gesund­heits- und Umwelt­schä­den, senkt lang­fris­tig gesell­schaft­li­che Kos­ten und schafft Inno­va­ti­ons­an­rei­ze für siche­re Alter­na­ti­ven. Die anhal­ten­de Ver­zö­ge­rung wirk­sa­mer Che­mi­ka­li­en­re­gu­lie­rung führt hin­ge­gen dazu, dass ver­meid­ba­re
Belas­tun­gen und ihre Kos­ten fort­be­stehen.

4. Regu­lie­rungs­lü­cken erfor­dern poli­ti­sches Han­deln

Struk­tur der Che­mi­ka­li­en­re­gu­lie­rung

In Deutsch­land regelt das Che­mi­ka­li­en­ge­setz die Grund­zü­ge der Che­mi­ka­li­en­si­cher­heit, ins­be­son­de­re den Voll­zug von EU-Recht und die Ahn­dung von Ver­stö­ßen. Den Kern der euro­päi­schen Che­mi­ka­li­en­re­gu­lie­rung bil­den die REACH- und die CLP-Ver­ord­nun­gen (Clas­si­fi­ca­ti­on, Label­ling, Pack­a­ging), die als EU-Ver­ord­nun­gen unmit­tel­bar gel­ten und seit fast 20 Jah­ren bestehen. REACH regelt die Zulas­sung, Regis­trie­rung, Bewer­tung und Beschrän­kung von Che­mi­ka­li­en und ver­pflich­tet Unter­neh­men in der Lie­fer­ket­te zur Infor­ma­ti­on, um ein hohes Schutz­ni­veau für Gesund­heit und Umwelt zu sichern.⁴5 Die CLP-Ver­ord­nung regelt die Ein­stu­fung, Kenn­zeich­nung und Ver­pa­ckung gefähr­li­cher Stof­fe und Gemi­sche. Ergänzt wird die­ser Rah­men durch wei­te­re Rege­lun­gen wie die EU-Ver­ord­nung über per­sis­ten­te orga­ni­sche Schad­stof­fe (Per­sis­tent Orga­nic Pol­lut­ants, POP-Ver­ord­nung), die beson­ders lang­le­bi­ge orga­ni­sche Schad­stof­fe beschränkt oder ver­bie­tet, sowie durch inter­na­tio­na­le Initia­ti­ven wie das glo­ba­le Rah­men­werk für Che­mi­ka­li­en (Glo­bal Frame­work on Che­mi­cals, GFC), in des­sen Rah­men sich Staa­ten welt­weit für ein glo­ba­les Che­mi­ka­li­en­ma­nage­ment enga­gie­ren (sie­he Abbil­dung 4).⁴⁶

Die euro­päi­sche Che­mi­ka­li­en­stra­te­gie für Nach­hal­tig­keit

In ihrer Che­mi­ka­li­en­stra­te­gie für Nach­hal­tig­keit (2020; Che­mi­cals Stra­tegy for
Sus­taina­bi­li­ty, CSS) betont die EU die Not­wen­dig­keit eines siche­re­ren Che­mi­ka­li­en­ma­nage­ments und ord­net dies in ihr über­ge­ord­ne­tes Ziel ein, die Ver­schmut­zung von
Was­ser, Boden und Luft durch Che­mi­ka­li­en
bis 2050 zu mini­mie­ren – das Zero-PollutionZiel.¹⁷,
⁴⁷ Die Stra­te­gie ver­folgt dabei meh­re­re
Ansät­ze: Sie will vul­nerable Bevöl­ke­rungs­grup­pen bes­ser schüt­zen und Che­mi­ka­li­en in Men­schen und Öko­sys­te­men geziel­ter
über­wa­chen, auch um Zusam­men­hän­ge
zwi­schen Che­mi­ka­li­en und Geschlecht bes­ser zu ver­ste­hen. Gefähr­li­che Stof­fe sol­len
zudem bereits in der Ent­wick­lungs­pha­se
eines Pro­dukts ver­mie­den wer­den, statt erst
nach­träg­lich regu­liert zu wer­den. Schäd­li­che Che­mi­ka­li­en sol­len künf­tig nur noch
dort ein­ge­setzt wer­den, wo sie für Gesund­heit, Sicher­heit oder das Funk­tio­nie­ren der
Gesell­schaft tat­säch­lich not­wen­dig sind und
kei­ne siche­re­ren Alter­na­ti­ven exis­tie­ren
(Essential-Use-Konzept).¹7

Das Zero-Pol­lu­ti­on-Ziel der EU

Das Zero-Pol­lu­ti­on-Ziel der EU ist nicht wört­lich als Null­emis­si­on zu ver­ste­hen. Es
beschreibt viel­mehr ein Mensch-Umwelt-Ver­hält­nis, in dem von Men­schen ver­ur­sach­te Emis­sio­nen weder der mensch­li­chen Gesund­heit noch natür­li­chen Öko­sys­te­men
scha­den. Das bedeu­tet: Die Ver­schmut­zung von Luft, Was­ser und Böden soll auf ein
Maß gesenkt wer­den, das inner­halb pla­ne­ta­rer Belas­tungs­gren­zen bleibt, kein Risi­ko
mehr für Gesund­heit und Öko­sys­te­me dar­stellt und damit eine schad­stoff­freie Umwelt
schafft.⁴⁷ Die EU-Kom­mis­si­on hat die­se Visi­on im Mai 2021 mit dem Zero-Pol­lu­ti­on-Action-Plan kon­kre­ti­siert, der auf eine schad­stoff­freie Umwelt bis 2050 abzielt und dafür
sechs Zwi­schen­zie­le für 2030 fest­legt, etwa eine Hal­bie­rung des Pes­ti­zid­ein­sat­zes und
des Plas­tik­mülls im Meer.⁴⁸ Der Zwi­schen­be­richt der Kom­mis­si­on vom Janu­ar 2026
bestä­tigt Fort­schrit­te bei Luft­ver­schmut­zung, Pes­ti­zid­ein­satz und Plas­tik­müll, mahnt
aber schnel­le­res Han­deln der Mit­glied­staa­ten an – vor allem bei Mikroplastik‑, Lärmund Nähr­stoff­be­las­tung bestehen wei­ter­hin erheb­li­che Lücken.⁴⁹

REACH-Ver­ord­nung: ver­al­tet und lücken­haft

Unter der CSS wur­den ers­te Schrit­te hin zu einer siche­re­ren Zukunft unter­nom­men. Seit Amts­an­tritt der aktu­el­len EU-Kom­mis­si­on im Jahr 2024 gerät die Umset­zung jedoch zuneh­mend ins Stocken.50 Zen­tra­le Ele­men­te wur­den deut­lich ver­zö­gert oder ganz aus­ge­bremst, allen vor­an die Über­ar­bei­tung der REACH-Ver­ord­nung. Dadurch kön­nen Regu­lie­rungs­lü­cken von REACH wei­ter­hin aus­ge­nutzt wer­den. So erset­zen Hersteller*innen einen ver­bo­te­nen Ein­zel­stoff unter der bis­he­ri­gen Regu­lie­rung häu­fig durch Alter­na­ti­ven mit unbe­kann­ter, mit­un­ter eben­so schäd­li­cher Wir­kung. Wie groß das Pro­blem ist, zeigt die Stoff­grup­pe der PFAS: Die Indus­trie greift zuneh­mend auf neue Vari­an­ten zurück, sodass die Gesamt­be­las­tung trotz bestehen­der Regu­lie­rung wei­ter steigt und die­se Stoff­grup­pe inzwi­schen über 10.000 ein­zel­ne Ver­bin­dun­gen umfasst.⁴ Che­mi­ka­li­en soll­ten des­halb als Stoff­grup­pen statt als Ein­zel­stof­fe erfasst und bewer­tet wer­den, um sol­che „bedau­er­li­chen Ersatz­stof­fe“ („reg­rettable sub­sti­tu­ti­ons“) zu verhindern.⁵¹ Ein wei­te­rer Schwach­punkt der aktu­el­len REACH-Ver­ord­nung ist die unzu­rei­chen­de Prü­fung von Stof­fen vor ihrer Markteinführung.⁵² Zwar ver­pflich­tet REACH Unter­neh­men nach dem Prin­zip „Kei­ne Daten, kein Markt“ dazu, für Stof­fe ab einer Ton­ne Jah­res­men­ge Infor­ma­tio­nen zu sam­meln und Gefah­ren sowie Risi­ken zu bewer­ten. Bei der Regis­trie­rung eines Stof­fes prüft die Euro­päi­sche Che­mi­ka­li­en­agen­tur (Euro­pean Che­mi­cals Agen­cy, ECHA) inner­halb von drei Wochen jedoch ledig­lich, ob die ein­ge­reich­ten Unter­la­gen voll­stän­dig sind, nicht aber, ob die Daten tat­säch­lich für eine Sicher­heits­be­wer­tung aus­rei­chen. Liegt kein Wider­spruch der Behör­den vor, darf der Stoff unter den Vor­aus­set­zun­gen von REACH her­ge­stellt oder impor­tiert wer­den. Eine nach­träg­li­che Beschrän­kung ist zwar mög­lich, dau­ert aber mit sechs bis neun Jah­ren sehr lan­ge. Da die Beweis­pflicht bei den Behör­den liegt, wer­den vie­le Che­mi­ka­li­en trotz lücken­haf­ter Daten weiterverwendet.⁵3 Der lang­sa­me Beschrän­kungs­pro­zess erlaubt zudem, dass gefähr­li­che Stof­fe mit hor­mon­ak­ti­ven Eigen­schaf­ten jah­re­lang in All­tags­pro­duk­ten verbleiben.⁵⁴ Die CSS sieht daher vor, bei Ver­stö­ßen Regis­trie­rungs­num­mern zu ent­zie­hen und Beschrän­kungs­ver­fah­ren zu vereinfachen.¹⁷ Obwohl zahl­rei­che Stu­di­en die­se Schlupf­lö­cher doku­men­tie­ren und sich die EU im Rah­men der CSS bereits zu einer Über­ar­bei­tung der REACH-Ver­ord­nung ver­pflich­tet hat­te, geriet der Reform­pro­zess zuneh­mend unter den Ein­fluss der Che­mie­in­dus­trie und kam schließ­lich ins Stocken.⁵⁵ Im April 2026 kün­dig­te die EU-Kom­mis­si­on an, die Über­ar­bei­tung der REACH-Ver­ord­nung vor­erst auf Eis zu legen.⁵⁶ Ange­sichts der zahl­rei­chen Bele­ge für den bis­lang unzu­rei­chen­den Schutz der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung vor schäd­li­chen Che­mi­ka­li­en ist die­se Ent­wick­lung beson­ders kri­tisch zu bewer­ten. Kritiker*innen einer stren­ge­ren Che­mi­ka­li­en­re­gu­lie­rung ver­wei­sen häu­fig dar­auf, dass für vie­le Anwen­dun­gen noch kei­ne aus­ge­reif­ten Alter­na­ti­ven exis­tie­ren. Das Bei­spiel PFAS zeigt jedoch, dass dies nur für einen Teil der Anwen­dun­gen zutrifft: Für Feu­er­lösch­schäu­me, Lebens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen und Tex­ti­li­en sind bspw. pra­xis­taug­li­che PFAS-freie Alter­na­ti­ven bereits verfügbar.⁵⁷ Schwie­ri­ger ist die Sub­sti­tu­ti­on in Elek­tro­nik, Halb­lei­ter­fer­ti­gung oder bestimm­ten Medizinprodukten.⁵⁸ Doch auch hier wird an Lösun­gen gear­bei­tet: Ers­te PFAS-freie Fotola­cke für die Halb­lei­ter­indus­trie wer­den bereits entwickelt.⁵⁷ Feh­len­de Alter­na­ti­ven sind daher kein Argu­ment gegen Regu­lie­rung, son­dern ein Auf­trag an die Indus­trie, in Inno­va­ti­on und Sub­sti­tu­ti­on zu inves­tie­ren. Die­sem Prin­zip folgt auch das Essen­ti­al-Use-Kon­zept der EU-Chemikalienstrategie.59

Rest­ric­tions Road­map und PFAS-Ver­bot: zügi­ge Umset­zung not­wen­dig

Trotz der Ver­zö­ge­run­gen bei der all­ge­mei­nen REACH-Über­ar­bei­tung lau­fen ein­zel­ne Beschrän­kungs­ver­fah­ren wei­ter. Ein wich­ti­ges Instru­ment hier­für ist die im Rah­men der CSS ver­ab­schie­de­te Rest­ric­tions Road­map („Beschrän­kungs­fahr­plan“), mit der die Regu­lie­rung beson­ders gefähr­li­cher Che­mi­ka­li­en beschleu­nigt wer­den soll­te. Der Fahr­plan umfasst 22 beson­ders gefähr­li­che Stoff­grup­pen, die bis spä­tes­tens 2030 vom euro­päi­schen Markt ver­schwun­den sein sollten.60 Doch nach anfäng­li­chen Fort­schrit­ten geriet der Pro­zess ins Sto­cken. Laut einer Ana­ly­se von Umwelt­or­ga­ni­sa­tio­nen wur­den aus dem Fahr­plan bis­lang nur sechs Beschrän­kun­gen ver­ab­schie­det, 14 der 22 Ver­fah­ren sind prak­tisch ein­ge­fro­ren. Zudem fal­len vie­le Beschrän­kun­gen schwä­cher aus als geplant, etwa weil sie enger gefasst oder ganz zurück­ge­zo­gen wurden.60 Dadurch wird in Kauf genom­men, dass gefähr­li­che Che­mi­ka­li­en sich wei­ter in der Umwelt ausbreiten.⁶¹ Die EU-Kom­mis­si­on ver­weist hin­ge­gen dar­auf, dass seit 2022 ins­ge­samt elf REACH-Beschrän­kun­gen ver­ab­schie­det wur­den. Ein kürz­lich aktua­li­sier­ter Beschrän­kungs­fahr­plan lässt hof­fen, dass wei­te­re Beschrän­kun­gen in Kür­ze fol­gen werden.⁶² Teil des REACH-Beschrän­kungs­ver­fah­rens ist auch ein EU-wei­tes Grup­pen­ver­bot für PFAS, das von Deutsch­land, Däne­mark, den Nie­der­lan­den, Nor­we­gen und Schwe­den bei der ECHA ein­ge­reicht wur­de und zur­zeit geprüft wird. Der Aus­schuss für Risi­ko­be­wer­tung (Com­mit­tee for Risk Assess­ment, RAC) der ECHA befür­wor­te­te Anfang 2026 in sei­nem Gut­ach­ten grund­sätz­lich eine brei­te Beschrän­kung, mit geziel­ten Aus­nah­men für ein­zel­ne Anwendungen.⁶3 Der Aus­schuss für sozio-öko­no­mi­sche Ana­ly­se (Com­mit­tee for Socio-Eco­no­mic Ana­ly­sis, SEAC) legt sein fina­les Gut­ach­ten erst Ende 2026 vor. Erst danach kann die EU-Kom­mis­si­on einen Ver­ord­nungs­ent­wurf vor­le­gen – vor­aus­sicht­lich Anfang 2027 –, über den anschlie­ßend die Mit­glied­staa­ten im REACH-Aus­schuss abstim­men, bevor Rat und Euro­päi­sches Par­la­ment ein Ein­spruchs­recht haben.⁶³ Selbst
nach einem Beschluss dürf­ten jedoch vie­le
Anwen­dun­gen auf­grund lan­ger Über­gangs­fris­ten noch bis in die 2040er Jah­re erlaubt
blei­ben, ins­be­son­de­re dort, wo bis­lang kei­ne
aus­ge­reif­ten Alter­na­ti­ven existieren.⁶³
Poli­ti­scher Hand­lungs­spiel­raum besteht vor
allem bei der Aus­ge­stal­tung die­ser Über­gangs­fris­ten: Deutsch­land gehört als einer
der fünf antrag­stel­len­den Staa­ten zu den
zen­tra­len Ver­hand­lungs­part­nerinnen und
kann sich für kur­ze Über­gangs­fris­ten und
eng begrenz­te Aus­nah­men ein­set­zen statt
brei­ter Son­der­re­ge­lun­gen für die Indus­trie.
Eben­so wich­tig ist Trans­pa­renz dar­über,
wie die deut­sche Posi­ti­on auf Bun­des­ebe­ne
ent­wi­ckelt wird und wel­chen Ein­fluss Wirt­schafts­in­ter­es­sen und Lob­by­ak­teur
innen
auf die­se Posi­ti­on neh­men. Nur so lässt sich
ver­hin­dern, dass sich die Auf­wei­chung, die
im Road­map-Pro­zess bereits sicht­bar wur­de,
beim PFAS-Ver­bot wie­der­holt.

Ande­re Län­der als Vor­bild

Ein­zel­ne Län­der zei­gen, dass Staa­ten auch
unab­hän­gig von den sto­cken­den EU-Regu­lie­run­gen han­deln kön­nen. Däne­mark und
Frank­reich haben bereits natio­na­le Ver­bo­te
von PFAS in aus­ge­wähl­ten Pro­duk­ten ein­ge­führt – in Däne­mark etwa seit 2020 für
Lebens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen aus Papier und
Kar­ton, seit 2026 auch für Tex­ti­li­en, flan­kiert
von einem seit 2024 bestehen­den PFAS-Akti­ons­plan für Über­wa­chung und Sanie­rung
kon­ta­mi­nier­ter Standorte.⁶⁴ Schwe­den hat
im Rah­men sei­nes natio­na­len PFAS-Akti­ons­plans kürz­lich ein ähn­li­ches Ver­bot
vorgeschlagen.⁶⁵ Da die­se Ver­bo­te bis­lang
nur aus­ge­wähl­te Pro­duk­te abde­cken, nicht
aber indus­tri­el­le Anwen­dun­gen, bleibt ein
EU-wei­tes PFAS-Ver­bot unverzichtbar.⁶⁴ Ange­sichts der zöger­li­chen EU-Ent­wick­lun­gen
sind sol­che natio­na­len Vor­stö­ße den­noch ein
wich­ti­ges Zei­chen, an das auch Deutsch­land
anknüp­fen soll­te.
Auch bei der Sen­si­bi­li­sie­rung für endo­krin
wirk­sa­me Che­mi­ka­li­en geht Frank­reich
vor­an: Bereits in ihrer natio­na­len EDC-Stra­te­gie für 2019–2022 erkann­te die fran­zö­si­sche Regie­rung an, dass vul­nerable Grup­pen
wie Säug­lin­ge und Klein­kin­der beson­ders
vor EDCs geschützt wer­den müs­sen, und
sah geziel­te Sen­si­bi­li­sie­rungs­maß­nah­men
vor, dar­un­ter Schu­lun­gen für Gesund­heits­be­ru­fe, die Ein­bin­dung in die Schwan­ger­schafts­vor­sor­ge sowie die Ver­an­ke­rung von
EDC-Grund­la­gen­wis­sen in Ausbildungscurricula.⁶⁶

Deutsch­lands Ver­ant­wor­tung

Als dritt­größ­ter Che­mie­pro­du­zent der Welt
(hin­ter Chi­na und den USA)⁶7 und größ­ter
Che­mie­stand­ort Euro­pas steht Deutsch­land in beson­de­rer Ver­ant­wor­tung: Einer­seits
ver­ur­sacht die deut­sche Indus­trie einen erheb­li­chen Teil der Emis­sio­nen und Umwelt­be­las­tun­gen, ande­rer­seits könn­te Deutsch­land eine Vor­rei­ter­rol­le für eine nach­hal­ti­ge
Che­mie über­neh­men und die Trans­for­ma­ti­on der Wirt­schaft vor­an­trei­ben.
Ein ers­ter Schritt ist der im Novem­ber 2023
vor­ge­leg­te Fünf-Punk­te-Plan der Bun­des­re­gie­rung zum Schutz vor hor­mo­nell schä­di­gen­den Stoffen.68 Zivil­ge­sell­schaft­li­che
Orga­ni­sa­tio­nen kri­ti­sier­ten jedoch bereits
bei der Vor­stel­lung, dass der Plan ohne
ver­bind­li­che Fris­ten, kon­kre­te Maß­nah­men
und gesi­cher­te Finan­zie­rung auskommt.⁶8
Deutsch­land soll­te ihn des­halb um einen Akti­ons­plan mit kon­kre­ten Maß­nah­men, Zie­len
und Zeit­plä­nen ergän­zen und sich aktiv für
Gesund­heits- und Umwelt­schutz durch eine
stren­ge­re Che­mi­ka­li­en­po­li­tik ein­set­zen, wie
ande­re Län­der es trotz EU-Ver­zö­ge­run­gen
vor­ma­chen. Da Che­mi­ka­li­en über glo­ba­le
Lie­fer­ket­ten grenz­über­schrei­tend ver­brei­tet
wer­den, darf wirk­sa­mer Schutz zudem nicht
an natio­na­len oder euro­päi­schen Gren­zen
enden. Deutsch­land und die EU soll­ten sich
für die Umset­zung des neu­en glo­ba­len Rah­men­werks für Che­mi­ka­li­en (Glo­bal Frame­work on Che­mi­cals, GFC) ein­set­zen. Das ist
ein wich­ti­ger Schritt zu einem nach­hal­ti­gen
Umgang mit Che­mi­ka­li­en und Abfäl­len
und zur Vor­beu­gung von Verschmutzung.⁴6
Gleich­zei­tig soll­te Deutsch­land das euro­päi­sche Zero-Pol­lu­ti­on-Ziel stär­ken und sich für
eine gift­freie Kreis­lauf­wirt­schaft ein­set­zen
– Zie­le, die auch inter­na­tio­nal als Leit­bil­der
eta­bliert wer­den soll­ten.

Mens­trua­ti­ons­pro­duk­te: Eine geschlechts­spe­zi­fi­sche Regu­lie­rungs­lü­cke

Wie bereits dar­ge­legt, sind Frau­en* beson­ders vul­nerabel gegen­über Umwelt­che­mi­ka­li­en. Die Che­mi­ka­li­en­po­li­tik muss daher einen geschlech­ter­ge­rech­ten Ansatz ver­fol­gen, um zu ver­hin­dern, dass geschlechts­spe­zi­fi­sche Unge­rech­tig­kei­ten ent­ste­hen oder ver­tieft werden.³⁶ Beson­ders deut­lich wird dies am Bei­spiel von Mens­trua­ti­ons­pro­duk­ten, die teil­wei­se bis zu 90 % aus erd­öl­ba­sier­ten Kunst­stof­fen bestehen und gefähr­li­che Che­mi­ka­li­en ent­hal­ten können.³⁰ Kon­su­mentinnen müs­sen Infor­ma­tio­nen über deren Inhalts­stof­fe bis­lang müh­sam selbst zusam­men­tra­gen, denn Her­stel­lerinnen sind nicht zur Offen­le­gung ver­pflich­tet. In der EU wer­den Mens­trua­ti­ons­pro­duk­te unter REACH ledig­lich wie nor­ma­le Kon­sum­pro­duk­te regu­liert, obwohl sie über Stun­den mit sen­si­blen Kör­per­re­gio­nen wie der Vagi­nal­schleim­haut in Kon­takt ste­hen und Schad­stof­fe so direkt in den Kör­per gelan­gen kön­nen. Nötig ist ein gesetz­li­cher Rah­men, der gesund­heits­schäd­li­che Stof­fe in Mens­trua­ti­ons­pro­duk­ten ver­bie­tet und Her­stel­lerinnen zur Dekla­ra­ti­on der Inhalts­stof­fe ver­pflich­tet, damit Ver­brau­cherinnen infor­mier­te Ent­schei­dun­gen tref­fen können.30

5. Hand­lungs­emp­feh­lun­gen

Aus den beschrie­be­nen Risi­ken und Kos­ten ergibt sich ein kla­rer poli­ti­scher Hand­lungs­auf­trag: Wo gefähr­li­che Stof­fe weit ver­brei­tet, per­sis­tent oder schwer rück­hol­bar sind und vul­nerable Bevöl­ke­rungs­grup­pen betref­fen, soll­te Regu­lie­rung nicht auf voll­stän­di­ge wis­sen­schaft­li­che Gewiss­heit war­ten. Dem Essen­ti­al-Use-Kon­zept fol­gend soll­ten gefähr­li­che Che­mi­ka­li­en zudem grund­sätz­lich ver­mie­den wer­den, wo siche­re­re Alter­na­ti­ven exis­tie­ren oder ihr Ein­satz nicht zwin­gend erfor­der­lich ist. Vor­sor­ge­prin­zip und öko­no­mi­sche Evi­denz spre­chen dafür, Expo­si­tio­nen früh an der Quel­le zu redu­zie­ren, denn auch die Ver­zö­ge­rung not­wen­di­ger Maß­nah­men ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung mit mess­ba­ren gesund­heit­li­chen, öko­lo­gi­schen und finan­zi­el­len Fol­gen.

Bun­des­po­li­ti­sche Ebe­ne

  • Auf­la­ge eines natio­na­len Akti­ons­plans zu endo­krin wirk­sa­men Che­mi­ka­li­en: Der Akti­ons­plan soll­te kon­kre­te Zie­le für Prä­ven­ti­on, Moni­to­ring und den Schutz vul­nerabler Grup­pen fest­le­gen und Umwelt- sowie Gesund­heits­ge­rech­tig­keit ver­bind­lich berück­sich­ti­gen.
  • Prü­fung natio­na­ler Schutz­maß­nah­men bei Ver­zö­ge­run­gen auf EU-Ebe­ne: Wo euro­päi­sche Maß­nah­men aus­blei­ben oder sich ver­zö­gern, soll­te die Bun­des­re­gie­rung natio­na­le Schutz­maß­nah­men prü­fen, ins­be­son­de­re für PFAS-hal­ti­ge Pro­duk­te. Die Initia­ti­ven von Frank­reich, Däne­mark oder Schwe­den zei­gen, dass natio­na­les Han­deln mög­lich ist.
  • Stär­kung des Voll­zugs des Che­mi­ka­li­en­rechts: Infor­ma­ti­ons- und Regis­trie­rungs­pflich­ten soll­ten kon­se­quen­ter kon­trol­liert, Ver­stö­ße wirk­sam sank­tio­niert sowie Markt­über­wa­chung und Human­Bio­mo­ni­to­ring aus­ge­baut wer­den.
  • Ver­bes­se­rung des Schut­zes beson­ders belas­te­ter und vul­nerabler Grup­pen: Dies umfasst ins­be­son­de­re geschlech­ter­ge­rech­te Maß­nah­men, trans­pa­ren­te Inhalts­stoff­in­for­ma­tio­nen und stren­ge­re Anfor­de­run­gen an beson­ders kör­per­na­he Pro­duk­te wie Mens­trua­tions- und Kos­me­tik­ar­ti­kel.
  • Stär­ke­re Sen­si­bi­li­sie­rung der Öffent­lich­keit zum Schutz der Gesund­heit: Dazu 16 Che­mi­ka­li­en­po­li­tik für Umwelt und Gesund­heit – Was jetzt zu tun ist zäh­len evi­denz­ba­sier­te Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen über gefähr­li­che Che­mi­ka­li­en wie EDCs und geziel­te Infor­ma­tio­nen für vul­nerable Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Zudem soll­ten Gesund­heits­be­ru­fe als zen­tra­le Ver­trau­en­sund Bera­tungs­in­stanz (nach Vor­bild der fran­zö­si­schen EDC-Stra­te­gie) stär­ker ein­ge­bun­den wer­den – etwa durch ver­pflich­ten­de Fort­bil­dun­gen sowie die Auf­nah­me des The­mas in Schwan­ger­schafts­vor­sor­ge und Aus­bil­dungs­cur­ri­cu­la.

EU-Ebe­ne

  • Ver­schär­fung statt Auf­wei­chung der EU-Che­mi­ka­li­en­ver­ord­nung REACH: Die REACH-Ver­ord­nung soll­te an den aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stand ange­passt wer­den – hin zu einem Ver­bot beson­ders schäd­li­cher Stof­fe, mehr Trans­pa­renz und Rück­ver­folg­bar­keit sowie siche­ren Alter­na­ti­ven, statt einer Ver­wäs­se­rung oder Dere­gu­lie­rung. Dazu gehö­ren ver­stärk­te Sank­tio­nen gegen­über Unter­neh­men, die Infor­ma­ti­ons- und Regis­trie­rungs­pflich­ten nicht vor­schrifts­ge­mäß erfül­len sowie die Beschleu­ni­gung der Ver­fah­ren zur Iden­ti­fi­zie­rung beson­ders besorg­nis­er­re­gen­der Stof­fe.
  • Grup­pen­ba­sier­te Regu­lie­rung und Ein­be­zug von Mischungs­ef­fek­ten: Che­mi­ka­li­en soll­ten als Stoff­grup­pen statt als Ein­zel­stof­fe erfasst, bewer­tet und regu­liert wer­den. Schäd­li­che Aus­wir­kun­gen durch kom­bi­nier­te Expo­si­ti­on gegen­über meh­re­ren Che­mi­ka­li­en (Cock­tail-Effek­te) soll­ten durch die Ein­füh­rung eines Mischungs­be­wer­tungs­fak­tors (MAF) in der Risi­ko­be­wer­tung sys­te­ma­tisch berück­sich­tigt wer­den.
  • Kon­se­quen­te Anwen­dung des Essen­ti­al­Use-Kon­zepts und geschlech­ter­ge­rech­te Umset­zung der euro­päi­schen Che­mi­ka­li­en­stra­te­gie für Nach­hal­tig­keit (CSS): Schäd­li­che Che­mi­ka­li­en soll­ten nur noch dort ein­ge­setzt wer­den, wo sie für Gesund­heit, Sicher­heit oder das Funk­tio­nie­ren der Gesell­schaft erfor­der­lich sind und kei­ne siche­re­ren Alter­na­ti­ven exis­tie­ren. Daher soll­te der Beschrän­kungs­fahr­plan der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on kon­se­quent umge­setzt wer­den, sodass bis 2030 beson­ders gefähr­li­che Che­mi­ka­li­en vom Markt ver­schwun­den sind. Außer­dem soll­te die Umset­zung der Che­mi­ka­li­en­stra­te­gie für Nach­hal­tig­keit Zusam­men­hän­ge zwi­schen Che­mi­ka­li­en und Geschlecht dabei kon­se­quent mit­den­ken.
  • Ambi­tio­nier­te Umset­zung des glo­ba­len Rah­men­werks für Che­mi­ka­li­en (GFC): Deutsch­land und die EU soll­ten sich für die Umset­zung des neu­en GFC ein­set­zen und ihre Füh­rungs­rol­le in der inter­na­tio­na­len Che­mi­ka­li­en­po­li­tik aktiv wahr­neh­men.

Fazit

Die wis­sen­schaft­li­che Evi­denz zu Umwelt­che­mi­ka­li­en zeigt deut­lich: Ihre gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Kos­ten sind hoch – die Kos­ten kon­se­quen­ter Regu­lie­rung im Ver­gleich gering. Dass die euro­päi­sche Che­mi­ka­li­en­re­form vor­erst auf Eis gelegt wur­de, ist daher ein poli­ti­sches Ver­säum­nis mit lang­fris­ti­gen Fol­gen für Gesund­heit, Umwelt und öffent­li­che Haus­hal­te. Als einer der größ­ten Che­mie­pro­du­zen­ten der Welt trägt Deutsch­land beson­de­re Ver­ant­wor­tung und hat, wie Däne­mark, Frank­reich oder Schwe­den bereits vor­ma­chen, die Mög­lich­keit, auf EU-Ebe­ne wie natio­nal vor­an­zu­ge­hen. Eine stren­ge­re Regu­lie­rung schäd­li­cher Che­mi­ka­li­en schützt dabei nicht nur die mensch­li­che Gesund­heit, son­dern redu­ziert zugleich die Belas­tung von Öko­sys­te­men, deren Funk­ti­ons­fä­hig­keit die Grund­la­ge für lang­fris­ti­ges Wohl­erge­hen bil­det. Damit kann sie auch dazu bei­tra­gen, den eng mit­ein­an­der ver­knüpf­ten Kri­sen von Che­mi­ka­li­en­be­las­tung, Kli­ma­wan­del und Bio­di­ver­si­täts­ver­lust ent­ge­gen­zu­wir­ken. Es braucht daher ein grund­le­gen­des Umden­ken in der Che­mi­ka­li­en­po­li­tik, das die Belas­tungs­gren­zen unse­res Pla­ne­ten aner­kennt und dazu bei­trägt, Gesell­schaft und Wirt­schaft inner­halb eines siche­ren und gerech­ten Hand­lungs­raums zu hal­ten. Poli­ti­sche Entscheidungsträger*innen soll­ten die­se Ver­ant­wor­tung jetzt gemäß dem Vor­sor­ge­prin­zip aktiv wahr­neh­men, um Gesund­heit zu schüt­zen, Fol­ge­kos­ten zu ver­mei­den und die Che­mie­in­dus­trie zukunfts­fä­hig auf­zu­stel­len.

Dank­sa­gung

Die­ser Poli­cy Brief ent­stand im Rah­men des Pro­jekts „Dia­gno­se Ver­schmut­zung: Umwelt­che­mi­ka­li­en als Gesund­heits­pro­blem – vom Wis­sen zum Han­deln“, das Gesund­heits­be­ru­fe für die gesund­heit­li­chen und pla­ne­ta­ren Risi­ken von Umwelt­che­mi­ka­li­en sen­si­bi­li­siert und ihnen kon­kre­te Hand­lungs­mög­lich­kei­ten auf­zeigt. Wir dan­ken der TARGOBANK Stif­tung herz­lich für die För­de­rung die­ses Pro­jekts. Unser Dank gilt zudem Doro­thea Baltruks, Leo­nie Bern­hard und Char­lot­te Schna­bel für ihre wert­vol­le Unter­stüt­zung im Pro­jekt.

» Poli­cy Brief wei­ter­le­sen

© CPHP, 2026

Alle Rech­te vor­be­hal­ten
Cent­re for Pla­ne­ta­ry Health Poli­cy
Caro­li­ne-Michae­lis-Str. 1, 10115 Ber­lin


Das CPHP ist eine unab­hän­gi­ge Denk­fa­brik, die zu Gesund­heits­po­li­tik und glo­ba­len Umwelt­ver­än­de­run­gen arbei­tet.

Zita­ti­ons­vor­schlag: Jung, M., Tisch­ler, L. (2026). Che­mi­ka­li­en­po­li­tik für Umwelt und Gesund­heit – Was jetzt zu tun ist. https://cphp-berlin.de/wp-content/uploads/2026/10/CPHP_Policy-Brief_P-2026–03.pdf [09.10.2026].

CPHP- Publi­ka­tio­nen unter­lie­gen einem drei­stu­fi­gen inter­nen Über­prü­fungs­ver­fah­ren und geben die Auf­fas­sung der Autor*innen wie­der.

info@cphp-berlin.de
www.cphp-berlin.de

Geför­dert durch:

Logo-Stif­tung-Mer­ca­tor-copy-2-edi­ted

Logo der Targobank Stiftung mit stilisiertem X-Symbol zwischen den Worten 'TARGO' und 'BANK' in Großbuchstaben, darunter das Wort 'Stiftung'.