Nachhaltigkeit im deutschen Gesundheitssystem – Eckpunkte für eine Strategie
Hauptautor*innen: Dorothea Baltruks, Nicole Stauf
(Centre for Planetary Health Policy, CPHP)
im Auftrag und unter Mitwirkung von:
BKK Dachverband e.V.
Stabsstelle Nachhaltigkeit
Martin König, Dorothee Christiani
Zusammenfassung
Der Gesundheitssektor in Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits ist er zunehmend von den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und weiterer Umweltveränderungen betroffen, andererseits trägt er selbst in erheblichen Umfang zu Treibhausgasemissionen und Ressourcenverbrauch bei. Zugleich verschärfen demografischer Wandel, Fachkräftemangel, steigende Krankheitslast und wirtschaftlicher Druck die Anforderungen an ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen. Darüber hinaus besteht die Verpflichtung, Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele systematisch, wirksam und über alle Sektoren hinweg umzusetzen.
Trotz regulatorischer Bezugspunkte, zahlreicher Initiativen und praktischer Ansätze zur Förderung von Nachhaltigkeit, bleiben diese bislang weitgehend fragmentiert, uneinheitlich und auf Teilbereiche begrenzt. Es bedarf dringend eines übergeordneten strategischen Rahmens, der Zielsetzungen, Zuständigkeiten, Steuerung, Finanzierung und Fortschrittsmessung systematisch zusammenführt und damit Orientierung, Verbindlichkeit und Planungssicherheit schafft.
Das vorliegende Eckpunktepapier möchte darauf eine erste Antwort geben. Unter Einbeziehung von Erfahrungen aus europäischen Nachbarländern und gemeinsam mit Akteur:innen aus dem deutschen Gesundheitswesen entwickelt, umreißt das Papier den Hintergrund der notwendigen Transformation und benennt neun Eckpunkte als prioritäre Handlungsfelder für ein nachhaltiges und klimaneutrales Gesundheitswesen.
Ein solcher Rahmen ist die zentrale Voraussetzung für die dringend erforderliche Transformation hin zu einem nachhaltigen, klimaneutralen Gesundheitswesen. Es formuliert keinen abschließenden Maßnahmenplan, sondern benennt die wesentlichen Handlungsbedarfe, strukturellen Voraussetzungen und strategischen Leitlinien.
Der erste Eckpunkt befasst sich mit den zentralen Rahmenbedingungen und umfasst eine mögliche Governance Struktur mit strategischer Steuerung, Projektkoordination, Monitoring und Arbeitsgruppen. Ein mehrphasiger Prozess von Strategieentwicklung bis Umsetzung und Evaluation stellt klare Verantwortlichkeiten her und definiert Beteiligung und Fortschrittskontrolle. Außerdem werden wichtige politische und finanzielle Rahmenbedingungen benannt sowie die Notwendigkeit für eine belastbare Datengrundlage und transparentes Monitoring.
Die Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung sowie die Integration von Health in All Policies ist das zweite zentrale Handlungsfeld. Ziel ist es Gesundheit, Chancengleichheit und Lebensqualität zu stärken und gleichzeitig Krankheitslast, Versorgungsbedarf und Kosten zu senken. Maßnahmen reichen über den Gesundheitssektor hinaus und umfassen weitere Politikfelder, u.a. Ernährung, Landwirtschaft, Mobilität und Verkehr, die maßgeblichen Einfluss auf Gesundheit ausüben.
Im dritten Eckpunkt wird die zentrale Bedeutung für eine nachhaltige Versorgungsplanung thematisiert, um Zugänglichkeit, Qualität, Klimaschutz und Resilienz im Gesundheitswesen sicherzustellen. Dafür braucht es eine sektorenübergreifende Steuerung, bessere Koordination zwischen Akteur:innen sowie Anreize für Prävention, evidenzbasierte Versorgung und Ressourcenschonung. Ziel ist es, Unter‑, Über- und Fehlversorgung zu reduzieren, Versorgungspfade besser zu koordinieren und insbesondere in ländlichen Regionen den gleichwertigen Zugang zur Versorgung zu stärken.
Eckpunkt 4 adressiert Nachhaltigkeit in der ambulanten Pflege und Versorgung. Ziel ist es, Ressourcen effizienter zu nutzen, Emissionen zu senken und die wohnortnahe Versorgung zu stärken. Dazu zählen unter anderem digitale und telemedizinische Lösungen, präventive Ansätze, nachhaltigere Beschaffung sowie eine stärkere Verlagerung geeigneter Leistungen in den ambulanten Bereich. Eine bessere Versorgungssteuerung, patientenzentrierte Ersteinschätzung und regionale Koordination können Effizienz, Qualität und Zugänglichkeit der Versorgung verbessern und gleichzeitig Klima- und Umweltziele unterstützen.
Im fünften Eckpunkt geht es um die Nachhaltigkeit in der stationären Versorgung. In der stationären Versorgung bestehen erhebliche Potenziale, Gebäude, Energieversorgung und Versorgungsprozesse nachhaltiger zu gestalten und damit Emissionen, Ressourcenverbrauch und Kosten zu senken. Dazu gehören Investitionen in Energieeffizienz, erneuerbare Energien, systematisches Umwelt- und Energiemanagement sowie die gezielte Förderung klimafreundlicher Modernisierungen. Auch eine gesundheitsförderliche und umweltfreundliche Verpflegung – etwa durch mehr pflanzliche, regionale Angebote und weniger Lebensmittelabfälle – kann Gesundheit und Nachhaltigkeit zugleich stärken.
Die Förderung eines emissionsarmen Transportwesens wird im sechsten Eckpunkt beschrieben. Ein emissionsarmes Transportwesen im Gesundheitswesen kann Emissionen, Lärm und Luftschadstoffe reduzieren und zugleich die Gesundheit fördern. Zentrale Hebel sind eine bessere Anbindung an den ÖPNV, die Förderung aktiver und klimafreundlicher Mobilität sowie die Elektrifizierung von Fuhrparks, Pflege- und Transportdiensten. Dafür braucht es geeignete Infrastruktur, insbesondere Ladepunkte sowie gezielte Fördermaßnahmen, um die Umstellung wirtschaftlich zu erleichtern.
Der siebte Eckpunkt umfasst sowohl Arzneimittel als auch Medizinprodukte und Hilfsmittel. Arzneimittel, Medizinprodukte und Hilfsmittel sollen entlang ihres gesamten Lebenszyklus ressourcenschonender, emissionsärmer und umweltverträglicher gestaltet werden. Dafür braucht es verlässliche Daten, vergleichbare Standards und mehr Transparenz zu Klima- und Umweltauswirkungen, um nachhaltige Innovationen, Beschaffung und Verordnungsentscheidungen zu unterstützen. Dabei müssen Umweltziele stets mit Versorgungssicherheit, therapeutischem Nutzen, Qualität und Patient:innensicherheit in Einklang gebracht werden.
Eckpunkt 8 dreht sich um die Reduzierung von Abfällen und Schonung von Ressourcen. Das Gesundheitswesen soll Abfälle systematisch reduzieren und Ressourcen effizienter nutzen, um Emissionen, Umweltbelastungen und Kosten zu senken. Zentrale Hebel sind bessere Abfalltrennung, mehr Wiederverwendung und Recycling, kreislauffähige Produktgestaltung sowie digitale Lösungen zur Ressourcenschonung. Dafür braucht es ein systematisches Monitoring, stärkere Anreize und eine enge Zusammenarbeit entlang der gesamten Versorgungskette.
Im neunten Eckpunkt wird Digitalisierung als Chance für Ressourcenschonung und Effizienzsteigerung thematisiert. Digitalisierung kann das Gesundheitswesen effizienter, vernetzter und ressourcenschonender gestalten, etwa durch papierlose Prozesse, interoperable Informationssysteme, datenbasierte Steuerung und telemedizinische Angebote. So lassen sich Doppeluntersuchungen, unnötige Transporte, Überversorgung und Verwaltungsaufwand reduzieren. Voraussetzung sind jedoch eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, klare rechtliche Rahmenbedingungen, Datensicherheit sowie ein inklusiver Zugang für alle Nutzer:innengruppen.
Im Mittelpunkt des Eckpunktepapiers steht die ökologische Dimension, diese ist jedoch eng mit sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit verknüpft. Nachhaltige Strukturen und Prozesse sollen daher nicht nur Umweltbelastungen verringern, sondern zugleich Versorgungssicherheit, Gesundheitschancen, Wirtschaftlichkeit und Resilienz stärken. Das Eckpunktepapier versteht Nachhaltigkeit damit als Querschnittsaufgabe und als strategischen Orientierungsrahmen für die langfristige Weiterentwicklung des Gesundheitswesens.
Das Eckpunktepapier dient als Grundlage für die weitere Ausarbeitung einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie, die klare (Zwischen-)Ziele, einen verbindlichen Fahrplan und einen kohärenten Handlungsrahmen für den gesamten Gesundheits- und Pflegebereich vorgibt und die dafür notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt. Ziel ist es, einen anschlussfähigen Rahmen bereitzustellen, auf dessen Basis die politischen Entscheidungstragenden und Akteur:innen des Gesundheitswesens die Entwicklung und Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie für den deutschen Gesundheitssektor gemeinsam voranbringen können.
Impressum
Hauptautorinnen:
Dorothea Baltruks
Nicole Stauf
Centre for Planetary Health Policy (CPHP)
13156 Berlin
Email: info@cphp-berlin.de
Internet: cphp-berlin.de
im Auftrag und unter Mitwirkung von:
BKK Dachverband e.V.
Stabsstelle Nachhaltigkeit
Martin König
Dorothee Christiani
10117 Berlin
Email: nachhaltigkeit@bkk-dv.de
Internet: bkk-dachverband.de
Gestaltung:
Sven Stüber
Internet: superieur-graphique.com
