Für blauen Himmel über dem Ruhrgebiet und eine ambitionierte Umsetzung der EU-Luftqualitätsrichtlinien bis 2030: Unser 2. Stakeholderdialog in Essen
Der zweite Stakeholderdialog zur Umsetzung der EU-Luftqualitätsrichtlinie im Ruhrgebiet brachte am 26. Februar Akteur*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft in Essen zusammen.
Organisiert in Kooperation mit dem ifeu (Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg) und der IVU GmbH aus Freiburg, die Zwischenergebnisse aus ihrem Schwesterprojekt vorstellten, drehten sich die Diskussionen um konkrete Schritte zur Erreichung der neuen Luftqualitätsstandards bis 2030.
Wie wird sich die Luftqualität bis 2030 entwickeln und was sind die größten Verursacher von Luftverschmutzung?
Diesen Fragen wird im Schwesterprojekt des ifeu und IVU nachgegangen. Anna Mahlau (IVU) präsentierte die Basismodellierung der Luftqualität für das Jahr 2030, die von einer Fortschreibung der bestehenden Luftreinhaltemaßnahmen ausgeht. Die Analyse zeigt: Im Ruhrgebiet ist an einigen Standorten mit Überschreitungen der künftig geltenden Grenzwerte zu rechnen.

Die Ursachen variieren je nach Standort. Entlang stark befahrener Straßen ist insbesondere der lokale Kfz-Verkehr Hauptverursacher erhöhter Schadstoffbelastungen, vor allem von NO₂. In anderen Bereichen dominiert hingegen der überregionale Eintrag von Feinstaub
(PM2,5) als wesentliche Quelle der Luftverschmutzung.
Anhand dieser Modellierungsergebnisse kommen verschiedene Luftreinhaltemaßnahmen infrage, um die künftig geltenden Grenzwerte einzuhalten. Um deren Umsetzbarkeit, Wirksamkeit und Akzeptanz zu bewerten, führte das ifeu eine Umfrage durch, deren erste Ergebnisse Frank Dünnebeil vorstellte. Es wurde deutlich: Eine einzelne Maßnahme, die gleichermaßen hochwirksam und breit akzeptiert ist, existiert (noch) nicht. Die vorgeschlagenen Instrumente gelten jedoch insgesamt als grundsätzlich umsetzbar. Entscheidend ist ein koordiniertes Vorgehen auf mehreren Ebenen: Während sich die NO₂-Belastung vor allem durch lokale Maßnahmen reduzieren lässt, erfordert die Senkung der Feinstaubbelastung ergänzend überregionale Strategien.

Wie wirkt Luftverschmutzung kurz- und langfristig auf unsere Gesundheit?
Anhand aktueller Studien, auch aus dem Ruhrgebiet, verdeutlichte Prof. Barbara Hoffmann (Universität Düsseldorf, Institut für Arbeits‑, Sozial- und Umweltmedizin) exemplarisch an Herz- und Hirnerkrankungen die kurz- und langfristigen Folgen schlechter Luftqualität.

Klar ist: Luftverschmutzung zählt auch in Deutschland zu den wichtigsten Risikofaktoren, sowohl für akute Ereignisse wie Herzinfarkte als auch für chronische Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Demenz oder Typ-2-Diabetes. Besonders betroffen sind Menschen in sozioökonomisch belasteten Lebenslagen.
Während Belastungen durch die bisher erhobenen Luftschadstoffe und ihre Verteilung in der Bevölkerung gut dokumentiert sind, rücken zunehmend Ultrafeinstäube in den Fokus. Allerdings sind die Methoden zur Erfassung ihrer gesundheitlichen Auswirkungen bislang noch unzureichend. Die neue EU-Richtlinie sieht daher vor, die Luftschadstoffmessung um Ultrafeinstäube zu erweitern und so die Datengrundlage zu verbessern.
Eine zentrale Botschaft des Vortrags lautete: Eine sichere Schwelle für Luftverschmutzung gibt es nicht. Gleichzeitig bewirkt jedes eingesparte Mikrogramm Schadstoff messbare Gesundheitsgewinne, rettet Leben und steigert die Lebensqualität.
Ideenentwicklung zu Luftreinhaltemaßnahmen im Ruhrgebiet und deren Kommunikation
Im zweiten Teil der Veranstaltung diskutierten wir im Rahmen eines World-Café verschiedene Fragestellungen rund um die Umsetzung der EU-Luftqualitätsrichtlinie im Ruhrgebiet.
Dabei betonten die Teilnehmenden die Relevanz der Richtlinie zum Schutz bestimmter Bevölkerungsgruppen, etwa Schwangere, Kinder, Senior*innen und sozioökonomisch benachteiligte Menschen, die besonders stark unter Luftverschmutzung leiden, während individuelle Schutzmöglichkeiten nur sehr begrenzt möglich sind. Zudem brauche es eine stärkere Verankerung umweltbezogener Gesundheitsaspekte in der Ausbildung von Gesundheitsfachkräften, damit Umwelteinflüsse im Behandlungsverlauf stärker berücksichtigt werden. Ein zentrales Anliegen war auch die intensivere interdisziplinäre Vernetzung von Gesundheitsberufen mit anderen Akteur*innen rund um das Thema Luftqualität, um gebündelte Expertise in politische Entscheidungsprozesse einzubringen.

Auch auf Verwaltungs- und politischer Ebene wurde eine engere Zusammenarbeit als gewinnbringend hervorgehoben, sowohl ressort- und kommunenübergreifend als auch mit externen Partnern aus Wissenschaft und zivilen Akteur*innen. Bestehende Kooperationsformate im Ruhrgebiet, etwa die „Ruhr Charta StadtGesundheit“ oder der Regionalverband Ruhr (RVR), könnten hierfür geeignete Anknüpfungspunkte bieten.
Im Bereich Kommunikation wurde die stärkere öffentliche Sichtbarkeit des Themas, beispielsweise durch Informationsanzeigen zur Luftqualität, ebenso diskutiert wie Strategien gegen Desinformation und Vorurteile. Klar ist zudem: Luftreinhaltemaßnahmen müssen rechtlich verbindlich und durchsetzbar sein, um ihre Wirkung zu entfalten.
Außerdem wurden konkrete Maßnahmen besprochen, die zur Verbesserung der Luftqualität beitragen könnten. Auf dieser Grundlage und aus den Ergebnissen der Expert*innen-Befragung entwickeln ifeu und IVU im weiteren Projektverlauf ein Maßnahmenbündel, das zur Einhaltung der neuen Luftqualitätsstardards dienen könnte.

Wir danken allen Teilnehmenden herzlich für den engagierten Austausch und die zahlreichen Impulse aus Vorträgen und Diskussionen! Wir freuen uns auf die abschließende Dialogrunde im Sommer und darauf, die gewonnenen Erkenntnisse in unsere politischen Handlungsempfehlungen einfließen zu lassen.
Fotos: CPHP
