Schrift­li­che Stel­lung­nah­me zum Refe­ren­ten­ent­wurf Thü­rin­ger Gesetz über den Öffent­li­chen Gesund­heits­dienst (ThürGDG‑E), 11.09.2025

Schrift­li­che Stel­lung­nah­me zum Refe­ren­ten­ent­wurf Thü­rin­ger Gesetz über den Öffent­li­chen Gesund­heits­dienst (ThürGDG‑E), 11.09.2025

Das Cent­re for Pla­ne­ta­ry Health Poli­cy (CPHP) und des­sen Dach­or­ga­ni­sa­ti­on, die Deut­sche Alli­anz Kli­ma­wan­del und Gesund­heit (KLUG) e.V. begrü­ßen aus­drück­lich die geplan­te Moder­ni­sie­rung des Thü­rin­ger Gesund­heits­dienst­ge­set­zes. Ein zukunfts­fä­hi­ger Öffent­li­cher Gesund­heits­dienst (ÖGD) ist eine tra­gen­de Säu­le für die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung, ins­be­son­de­re ange­sichts mul­ti­pler Kri­sen – demo­gra­fi­scher Wan­del, zuneh­men­de chro­ni­sche Erkran­kun­gen und nicht zuletzt die Kli­ma­kri­se. Gesund­heits­schutz und Gesund­heits­för­de­rung müs­sen in Zei­ten öko­lo­gi­scher Kri­sen kon­se­quent zusam­men­ge­dacht wer­den, da Kli­ma­wan­del­fol­gen, Luft­ver­schmut­zung, che­mi­sche Schad­stof­fe und Mikro­plas­tik nicht nur den Öko­sys­te­men, son­dern auch der Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit scha­den. Kli­ma­ge­sund­heit ist eine zen­tra­le Zukunfts­auf­ga­be, bei der Thü­rin­gen mit dem vor­lie­gen­den Ent­wurf die Chan­ce hat, bun­des­weit eine Vor­rei­ter­rol­le ein­zu­neh­men.

Stel­lung­nah­me zum Ent­wurf

Gesund­heits­ver­ständ­nis und Rol­len­be­schrei­bung

Der Ent­wurf sieht eine Stär­kung von Prä­ven­ti­on, Gesund­heits­för­de­rung und bevöl­ke­rungs­me­di­zi­ni­schen Ansät­zen vor (§ 1, § 7). Beson­ders posi­tiv ist die Beto­nung von nied­rig­schwel­li­gen, lebens­welt­na­hen Ange­bo­ten sowie der „Health in All Policies“-Ansatz in den Begrün­dungs­tei­len.

Der Ent­wurf nennt in § 1 Abs. 1 wich­ti­ge Ein­fluss­fak­to­ren auf Gesund­heit, dar­un­ter auch sozia­le und öko­lo­gi­sche Belan­ge. Dies ist posi­tiv zu bewer­ten. In § 1 Abs. 2 wird die sozi­al­kom­pen­sa­to­ri­sche Rol­le des ÖGD betont. Ergän­zend soll­te klar her­aus­ge­stellt wer­den, dass der ÖGD auch eine sozi­al­ge­stal­te­ri­sche Auf­ga­be hat: struk­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen aktiv so zu beein­flus­sen, dass Gesund­heit für alle geför­dert und gesund­heit­li­che Ungleich­hei­ten abge­baut wer­den.

Dabei soll­te der Schwer­punkt auf ver­hält­nis­prä­ven­ti­ven Maß­nah­men lie­gen. So wird zum Bei­spiel in § 1 Abs. 1 Satz 3 die „Stär­kung der Eigen­ver­ant­wor­tung“ beson­ders her­vor­ge­ho­ben, ohne gleich­wer­tig die Not­wen­dig­keit zu beto­nen, Lebens­wel­ten durch ver­hält­nis­prä­ven­ti­ve Maß­nah­men gesund­heits­för­der­lich und prä­ven­tiv zu gestal­ten. Ver­hal­tens­wei­sen spie­len kei­ne irrele­van­te, jedoch nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le für indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Ver­hal­tens­än­de­run­gen; sofern die Bedin­gun­gen in Lebens­wel­ten nicht der­art gestal­tet sind, dass gesund­heits­för­der­li­ches und kli­ma-/um­welt­freund­li­ches Ver­hal­ten für alle ein­fach, attrak­tiv und bezahl­bar ist. Hier wäre eine Balan­ce not­wen­dig, um ein moder­nes Public-Health-Ver­ständ­nis abzu­bil­den.

Umwelt- und Kli­ma­ein­flüs­se, Hit­ze­schutz und Extrem­wet­ter

Mit § 14 wird der „Schutz vor gesund­heits­schä­di­gen­den Umwelt- und Kli­ma­ein­flüs­sen“ aus­drück­lich erwähnt. Damit wird das The­men­feld Gesund­heit und Kli­ma klar im Gesetz ver­an­kert – ein bun­des­weit wich­ti­ges Signal. Gleich­zei­tig bleibt der Ent­wurf im Hin­blick auf kon­kre­te Maß­nah­men bezüg­lich Hit­ze­schutz und Extrem­wet­ter zu vage. Damit bleibt eine zen­tra­le Bedro­hungs­la­ge, die schon heu­te erheb­li­che Mor­bi­di­tät und Mor­ta­li­tät in Thü­rin­gen ver­ur­sacht, unter­be­lich­tet. Der ÖGD muss befä­higt wer­den, nicht nur reak­tiv, son­dern pro­ak­tiv Struk­tu­ren zum Schutz vor Extrem­wet­ter­er­eig­nis­sen auf­zu­bau­en, zu koor­di­nie­ren und lang­fris­tig zu beglei­ten. Dies soll­te im Gesetz aus­drück­lich nor­miert und auch in die Kata­stro­phen­schutz­re­ge­lun­gen (§§ 22–25) auf­ge­nom­men wer­den.

One Health und Infek­ti­ons­schutz

Die Kli­ma­kri­se ver­än­dert zudem die Aus­brei­tungs­mus­ter von Infek­ti­ons­krank­hei­ten. Neue vek­tor­über­tra­ge­ne Erre­ger (z. B. durch Tiger­mü­cken) und sich ver­schie­ben­de Ende­mie­ge­bie­te (z. B. von Zecken) stel­len neue Auf­ga­ben für den ÖGD dar. Die­se Aspek­te fin­den im Ent­wurf bis­lang kei­ne aus­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung. Not­wen­dig wäre, Moni­to­ring- und Prä­ven­ti­ons­auf­ga­ben expli­zit im Gesetz zu ver­an­kern und dabei Koope­ra­tio­nen mit Vete­ri­när- und Umwelt­äm­tern nach dem „One Health“-Ansatz vor­zu­se­hen. Nur so kann der ÖGD sei­ner Rol­le in der früh­zei­ti­gen Prä­ven­ti­on und Gefah­ren­ab­wehr gerecht wer­den.

Kooperation/Kommunale Gemein­schafts­ar­beit

Der Ent­wurf sieht in § 4 die Zusam­men­ar­beit der unte­ren Gesund­heits­be­hör­den im Rah­men der kom­mu­na­len Gemein­schafts­ar­beit vor. Dies ist ein rich­ti­ger und wich­ti­ger Ansatz. Um gesund­heits­för­der­li­che, kli­ma- und umwelt­freund­li­che Lebens­be­din­gun­gen für alle zu schaf­fen, reicht dies jedoch nicht aus. Im Sin­ne des „Health in all policies“-Ansatzes soll­te im Gesetz aus­drück­lich eine ver­bind­li­che Ein­bin­dung des ÖGD in res­sort­über­grei­fen­de Pla­nun­gen und Ent­schei­dungs­pro­zes­se vor­ge­se­hen wer­den. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re Stadt­pla­nung, Bau­leit­pla­nung, Ver­kehrs- und Umwelt­po­li­tik, Bil­dung und Wirt­schaft. Der ÖGD muss in die Lage ver­setzt wer­den, hier nicht nur bera­tend tätig zu sein, son­dern auch ver­pflich­tend kon­sul­tiert zu wer­den.

Dafür soll­te eine gesetz­li­che Grund­la­ge für die Durch­füh­rung von Gesund­heits­fol­gen­ab­schät­zun­gen bei grö­ße­ren Vor­ha­ben, ana­log zu bestehen­den Umwelt­ver­träg­lich­keits­prü­fun­gen, geschaf­fen wer­den. Nur so kann sicher­ge­stellt wer­den, dass gesund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen von Pla­nun­gen und Maß­nah­men früh­zei­tig erkannt und berück­sich­tigt wer­den. Dies stärkt die Prä­ven­ti­on und trägt dazu bei, Syn­er­gien zwi­schen Gesund­heits­schutz, Kli­ma­schutz und sozia­ler Gerech­tig­keit zu nut­zen.

Eine stär­ke­re Ver­an­ke­rung des ÖGD in res­sort­über­grei­fen­den Pro­zes­sen wür­de nicht nur die Effi­zi­enz von Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men erhö­hen, son­dern auch die Resi­li­enz der Bevöl­ke­rung gegen­über gesund­heit­li­chen Kri­sen för­dern. Damit Thü­rin­gen eine Vor­rei­ter­rol­le im Bereich der Public Health Gover­nan­ce über­neh­men kann, soll­te die gesetz­li­che Rege­lung über die in § 4 vor­ge­se­he­ne Bera­tungs­funk­ti­on hin­aus­ge­hen und ver­bind­li­che Kon­sul­ta­ti­ons- und Prüf­ver­fah­ren fest­schrei­ben.

Digi­ta­li­sie­rung und Bericht­erstat­tung

Posi­tiv her­vor­zu­he­ben ist die geplan­te zen­tra­le digi­ta­le Platt­form (§ 5), die eine inter­ope­ra­ble, medi­en­bruch­freie Zusam­men­ar­beit ermög­li­chen soll. Auch die Inte­gra­ti­on von Kli­ma- und Umwelt­da­ten in die Gesund­heits­be­richt­erstat­tung (§ 10, Begrün­dung) ist aus­drück­lich zu begrü­ßen. Damit ent­steht die Grund­la­ge für eine evi­denz­ba­sier­te Poli­tik­ge­stal­tung. Aller­dings soll­te die Bericht­erstat­tung ver­bind­lich um Sozi­al­da­ten ergänzt wer­den. Nur eine inte­grier­te Bericht­erstat­tung über Gesund­heit, Umwelt und sozia­le Indi­ka­to­ren ermög­licht es, die Deter­mi­nan­ten von Gesund­heit umfas­send zu erfas­sen und poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen mit Co-Bene­fits für Gesund­heit, Kli­ma, Umwelt und sozia­le Gerech­tig­keit zu gestal­ten.

Auf­ga­ben der obe­ren Gesund­heits­be­hör­de im Sin­ne eines Kom­pe­tenz­zen­trums

Die Auf­ga­ben der obe­ren Gesund­heits­be­hör­de sind im Ent­wurf so beschrie­ben, dass sie im Sin­ne eines Kom­pe­tenz­zen­trums Gesund­heits­schutz wir­ken sol­len. Damit ent­steht eine wich­ti­ge Schnitt­stel­le zwi­schen Wis­sen­schaft und Pra­xis, die den unte­ren Gesund­heits­be­hör­den evi­denz­ba­sier­te, ein­heit­li­che und hand­lungs­ori­en­tier­te Leit­li­ni­en bereit­stel­len kann. Posi­tiv ist die damit ver­bun­de­ne Stär­kung wis­sen­schaft­lich fun­dier­ter Gefah­ren­ab­wehr. Ergän­zend soll­te jedoch eben­so eine prä­ven­ti­ve und ver­hält­nis­prä­ven­ti­ve Aus­rich­tung im Fokus ste­hen.

Mul­ti­pro­fes­sio­nel­le Aus­rich­tung

Die vor­ge­se­he­ne mul­ti­pro­fes­sio­nel­le Aus­rich­tung des ÖGD ist ein Fort­schritt. Neben ärzt­li­chen wer­den künf­tig auch gesund­heits­wis­sen­schaft­li­che, natur­wis­sen­schaft­li­che und sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­sen ein­be­zo­gen. Ein­schrän­kend bleibt jedoch, dass auf Lei­tungs­ebe­ne wei­ter­hin die aus­schließ­li­che fach­ärzt­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on für das Öffent­li­che Gesund­heits­we­sen ver­langt wird (§ 2 Abs. 3). Dies erscheint ange­sichts des Fach­kräf­te­man­gels und der zuneh­mend kom­ple­xen Füh­rungs­auf­ga­ben nicht zeit­ge­mäß. Für Lei­tungs­per­so­nen sind neben medi­zi­ni­schem Wis­sen vor allem Kom­pe­ten­zen in Public Health, Per­so­nal­füh­rung, Orga­ni­sa­ti­on und Manage­ment ent­schei­dend. Wir regen daher an, die Zugangs­vor­aus­set­zun­gen zu erwei­tern und auch Fach­kräf­te mit gesund­heits­wis­sen­schaft­li­cher oder sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Exper­ti­se und rele­van­ter Füh­rungs­er­fah­rung zuzu­las­sen.

Per­so­nal und Res­sour­cen

Zur Erhö­hung der eige­nen Resi­li­enz des ÖGD gegen­über zukünf­ti­gen Kri­sen und der Ver­bes­se­rung sei­ner Hand­lungs­fä­hig­keit bezüg­lich sei­ner (wei­ter) bestehen­den Auf­ga­ben­fel­der wur­de die Not­wen­dig­keit einer ver­bes­ser­ten per­so­nel­len, tech­ni­schen und finan­zi­el­len Aus­stat­tung, sowie ein Fokus auf mul­ti­pro­fes­sio­nel­les Arbei­ten bereits viel­fach betont und ist unab­ding­bar. Posi­tiv ist, dass der Ent­wurf Per­so­nal­ge­win­nung, ‑bin­dung und ‑ent­wick­lung sowie Fort- und Wei­ter­bil­dung betont. Ent­schei­dend wird jedoch sein, dass hier­für dau­er­haft aus­rei­chen­de finan­zi­el­le Mit­tel bereit­ge­stellt wer­den. Die Finan­zie­rung über den Pakt ÖGD war ein wich­ti­ger Impuls, ist jedoch befris­tet. Um Pla­nungs­si­cher­heit zu schaf­fen und den Ver­lust drin­gend benö­tig­ter Fach­kräf­te zu ver­hin­dern, braucht es eine lang­fris­ti­ge Absi­che­rung der Per­so­nal­res­sour­cen – unab­hän­gig davon, ob die­se über Bun­des- oder Lan­des­mit­tel erfolgt. Ohne ver­läss­li­che Res­sour­cen­zu­sa­gen bleibt die Umset­zung vie­ler im Ent­wurf vor­ge­se­he­ner Auf­ga­ben gefähr­det.

Nach­hal­tig­keit des ÖGD

Schließ­lich soll­te der ÖGD auch selbst kli­ma- und res­sour­cen­scho­nend arbei­ten. Nach § 7 Thür­Kli­maG haben öffent­li­che Stel­len eine Vor­bild­funk­ti­on bei Ener­gie­ein­spa­rung, erneu­er­ba­ren Ener­gien, nach­hal­ti­ger Mobi­li­tät und Res­sour­cen­scho­nung. Der Thü­rin­ger ÖGD könn­te hier bun­des­weit eine Vor­rei­ter­rol­le ein­neh­men, indem er die­se Prin­zi­pi­en im eige­nen Ver­wal­tungs­han­deln umsetzt und sicht­bar macht. Dies stärkt nicht nur die Glaub­wür­dig­keit, son­dern trägt auch unmit­tel­bar zur Gesund­heits­för­de­rung bei, da res­sour­cen­scho­nen­des Ver­wal­tungs­han­deln zugleich kli­ma- und gesund­heits­freund­lich wirkt.

Fazit

Der Refe­ren­ten­ent­wurf ist ein wich­ti­ger Schritt zur Moder­ni­sie­rung des ÖGD in Thü­rin­gen und sen­det bun­des­weit ein star­kes Signal. Damit der ÖGD sei­ne Rol­le als Garant für Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit in Zei­ten der öko­lo­gi­schen Kri­sen jedoch voll­um­fäng­lich wahr­neh­men kann, soll­ten die genann­ten Punk­te im wei­te­ren Gesetz­ge­bungs­pro­zess berück­sich­tigt wer­den. Thü­rin­gen hät­te damit die Chan­ce, nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch euro­pa­weit Maß­stä­be für eine kli­ma­re­si­li­en­te und zukunfts­fä­hi­ge öffent­li­che Gesund­heits­ver­sor­gung zu set­zen.

© CPHP, 2025

Alle Rech­te vor­be­hal­ten
Cent­re for Pla­ne­ta­ry Health Poli­cy
Köber­lesteig 16, 13156 Ber­lin

Das CPHP ist eine unab­hän­gi­ge Denk­fa­brik, die zu Gesund­heits­po­li­tik und glo­ba­len Umwelt­ver­än­de­run­gen arbei­tet.

CPHP- Publi­ka­tio­nen unter­lie­gen einem drei­stu­fi­gen inter­nen Über­prü­fungs­ver­fah­ren und geben die Auf­fas­sung der Autor*innen wie­der.

Schrift­li­che Stel­lung­nah­men zu Geset­zes­ent­wür­fen oder Anträ­gen rei­chen wir ein, wenn das CPHP als Sach­ver­stän­di­ge vom Bun­des­tag oder den Land­ta­gen zu deren Anhö­run­gen ein­ge­la­den wur­de. Die Stel­lungs­nah­men spie­len die Exper­ti­se unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Mitarbeiter*innen in Beant­wor­tung der spe­zi­fi­schen Fra­ge­stel­lun­gen der Anhö­rung wider.

info@cphp-berlin.de
www.cphp-berlin.de