„Die mas­si­ven Kür­zun­gen ohne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie las­sen Mil­lio­nen Men­schen ohne lebens­ret­ten­de Hil­fe zurück.“

„Die mas­si­ven Kür­zun­gen ohne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie las­sen Mil­lio­nen Men­schen ohne lebens­ret­ten­de Hil­fe zurück.“

Anläss­lich der heu­ti­gen Berei­ni­gungs­sit­zung des Haus­halts­aus­schus­ses bli­cken wir sor­gen­voll auf die geplan­ten Kür­zun­gen der Bud­gets für Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, huma­ni­tä­re Hil­fe, mul­ti­la­te­ra­le Hil­fen zum Umwelt‑, Bio­di­ver­si­täts- und Kli­ma­schutz sowie der Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Eine Über­sicht über die geplan­ten Kür­zun­gen fin­den Sie in die­sem Facts­heet. Im Inter­view berich­tet Ali­na See­ba­cher, Exper­tin für Kli­ma­kri­se & Ernäh­rungs­si­cher­heit bei Ärz­te Ohne Gren­zen Deutsch­land, wel­che Aus­wir­kun­gen die­se Kür­zun­gen kon­kret für Men­schen in betrof­fe­nen Län­dern, die auf huma­ni­tä­re Hil­fe ange­wie­sen sind, als auch für Deutsch­lands Rol­le in der Welt haben wer­den.

Portrait von Alina Seebacher
© MSF / Fran­zis­ka Kemp­gen

Ali­na See­ba­cher — Das huma­ni­tä­re Hilfs­sys­tem steht aktu­ell vor einer Zer­reiß­pro­be: Der Rück­zug der USA seit Beginn des Jah­res – bis­lang größ­ter huma­ni­tä­rer Geber mit 42 % der glo­ba­len Mit­tel im Jahr 2023 – hat zen­tra­le Pro­gram­me abrupt gestoppt und Lie­fer­ket­ten, Koor­di­na­ti­on und Infra­struk­tur stark erschüt­tert. Dies führt zu aku­ten Ver­sor­gungs­lü­cken, die beson­ders jene tref­fen, die ohne­hin am stärks­ten gefähr­det sind. All dies schwächt auch die Fähig­keit huma­ni­tä­rer und gesund­heit­li­cher Sys­te­me auf Kri­sen zu reagie­ren – sei­en sie plötz­li­che Schocks oder schlei­chen­de Ver­schlech­te­run­gen. Dazu gehö­ren auch kli­ma­be­ding­te Gesund­heits­fol­gen wie Man­gel­er­näh­rung, Infek­ti­ons­krank­hei­ten wie Mala­ria oder Den­gue oder zuneh­men­de Was­ser­knapp­heit — Erschei­nungs­for­men der Kli­ma­kri­se, die heu­te schon Rea­li­tät sind, Ten­denz stei­gend.

Auf die­sen Sys­tem­schock tref­fen die Kür­zun­gen Deutsch­lands sowie ande­rer Geber: Deutsch­land hat das huma­ni­tä­re Bud­get 2025 um die Hälf­te redu­ziert, auf etwa eine Mil­li­ar­de Euro – die­ses Rekord­tief soll 2026 bei­be­hal­ten wer­den. Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, die Schweiz, Bel­gi­en und die Nie­der­lan­de kür­zen teils um bis zu 40 %.

Obwohl Ärz­te ohne Gren­zen unab­hän­gig von staat­li­cher Finan­zie­rung ist, sehen wir die Aus­wir­kun­gen in den Län­dern, in denen wir arbei­ten: In Soma­lia haben ande­re Orga­ni­sa­tio­nen Ernäh­rungs­zen­tren für man­gel­er­nähr­te Kin­der schlie­ßen müs­sen, im Süd­su­dan fie­len mobi­le Cho­le­ra-Kli­ni­ken aus, in Hai­ti bra­chen Trink­was­ser­sys­te­me zusam­men. HIV-Pro­gram­me in Süd­afri­ka, Ugan­da und Sim­bab­we wur­den ein­ge­stellt, Tuber­ku­lo­se-Pro­gram­me welt­weit dro­hen Eng­päs­sen. Für Ärz­te Ohne Gren­zen bedeu­tet das kon­kret: Wir behan­deln mehr Patient*innen, pas­sen Pro­gram­me an und ver­su­chen, Lücken zu fül­len – kön­nen aber die Ero­si­on des Sys­tems nicht kom­pen­sie­ren. Die­se dras­ti­sche Zer­rüt­tung kommt in einer Zeit, in der Bedar­fe mas­siv stei­gen – durch mehr Kri­sen, Kon­flik­te und auch den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels. Die mas­si­ven Kür­zun­gen ohne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie las­sen sowohl unmit­tel­bar als auch mit­tel­fris­tig Mil­lio­nen Men­schen ohne lebens­ret­ten­de Hil­fe zurück.

Deutsch­land ist einer der wich­tigs­ten huma­ni­tä­ren Geber und hat sich selbst den Anspruch gesetzt, die „Neu­ord­nung inter­na­tio­na­ler Zusam­men­ar­beit“ aktiv mit­zu­ge­stal­ten – gera­de, weil ande­re Akteu­re wie die USA ihre Mit­tel redu­zie­ren. Wenn der Haus­halt 2026 die Kür­zun­gen fort­setzt, sen­det das ein ver­hee­ren­des Signal: weg von einem ver­ant­wor­tungs­vol­len, prin­zi­pi­en­fes­ten Enga­ge­ment, hin zu kurz­fris­ti­gem, sicher­heits- oder wirt­schafts­ge­trie­be­nem Den­ken.

Kür­zun­gen von US-Gel­dern und ande­ren Mit­teln beim Glo­ba­len Fonds zur Bekämp­fung von HIV/Aids, Tuber­ku­lo­se und Mala­ria haben bereits vie­le Präventions‑, Dia­gno­se- und Behand­lungs­pro­gram­me ins Sto­cken gebracht, etwa im Süd­su­dan, der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik, der DR Kon­go und in Tei­len Asi­ens und Latein­ame­ri­kas. Mit den deut­schen Kür­zun­gen von 1,3 auf eine Mil­li­ar­de Euro für 2026–2028 droht sich die Lage wei­ter zu ver­schär­fen; wir rech­nen mit meh­re­ren Mil­lio­nen ver­meid­ba­ren Neu­in­fek­tio­nen.

Wenn ein Land wie Deutsch­land, mit die­sem Gewicht, die Mit­tel kürzt, schwächt das die inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät, legi­ti­miert Ein­spa­run­gen ande­rer Geber und unter­gräbt das Ver­trau­en der betrof­fe­nen Gemein­den. Huma­ni­tä­re Hil­fe darf nicht nach poli­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen ver­teilt wer­den, son­dern muss sich am tat­säch­li­chen Bedarf ori­en­tie­ren.

Zwei Kinder laufen auf staubigem Boden, umgeben von einem aufgewirbelten Staubsturm, im Hintergrund ein mit Tuch bedeckter Wagen.
© Anouk Del­af­ort­rie / EU/ ECHO

Als medi­zi­ni­sche Not­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on leis­ten wir wei­ter­hin unab­hän­gi­ge, bedarfs­ori­en­tier­te Hil­fe. Wir schla­gen Alarm, machen Fol­gen der Kür­zun­gen sicht­bar und arbei­ten eng mit Part­nern aus Zivil­ge­sell­schaft und Wis­sen­schaft zusam­men – mit Fokus auf Kri­sen, die aus dem Blick gera­ten oder gedrängt wer­den, und schwer erreich­ba­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Ohne die Unter­stüt­zung Deutsch­lands und ande­rer ver­läss­li­cher Geber las­sen sich die wach­sen­den Lücken des huma­ni­tä­ren Sys­tems jedoch nicht schlie­ßen.

Das Inter­view führ­te Dr. Tere­sa Hol­ler­bach.

Mit die­sem und wei­te­ren Inter­views mit unse­ren CPHP- und exter­nen Wissenschaftler*innen möch­ten wir aktu­el­le Debat­ten rund um pla­ne­ta­re Gesund­heit auf­grei­fen und über unse­re Arbeit und Schwer­punk­te infor­mie­ren.

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