„Die massiven Kürzungen ohne langfristige Strategie lassen Millionen Menschen ohne lebensrettende Hilfe zurück.“
Anlässlich der heutigen Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses blicken wir sorgenvoll auf die geplanten Kürzungen der Budgets für Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe, multilaterale Hilfen zum Umwelt‑, Biodiversitäts- und Klimaschutz sowie der Krisenbewältigung. Eine Übersicht über die geplanten Kürzungen finden Sie in diesem Factsheet. Im Interview berichtet Alina Seebacher, Expertin für Klimakrise & Ernährungssicherheit bei Ärzte Ohne Grenzen Deutschland, welche Auswirkungen diese Kürzungen konkret für Menschen in betroffenen Ländern, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, als auch für Deutschlands Rolle in der Welt haben werden.

Alina Seebacher arbeitet als Expertin für Klimakrise und Ernährungssicherheit in der politischen Abteilung für Ärzte ohne Grenzen Deutschland.
Die Daten zeigen, dass hitzebedingte Todesfälle, Luftverschmutzung und klimabedingte Infektionskrankheiten stark zunehmen, und auch sonst steigen humanitäre Bedarfe drastisch. Seit Beginn des Jahres hat der Rückzug der USA das humanitäre System erschüttert. Gleichzeitig werden Mittel in Deutschland gekürzt: Wie wirkt sich das in den Ländern aus, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet?
Alina Seebacher — Das humanitäre Hilfssystem steht aktuell vor einer Zerreißprobe: Der Rückzug der USA seit Beginn des Jahres – bislang größter humanitärer Geber mit 42 % der globalen Mittel im Jahr 2023 – hat zentrale Programme abrupt gestoppt und Lieferketten, Koordination und Infrastruktur stark erschüttert. Dies führt zu akuten Versorgungslücken, die besonders jene treffen, die ohnehin am stärksten gefährdet sind. All dies schwächt auch die Fähigkeit humanitärer und gesundheitlicher Systeme auf Krisen zu reagieren – seien sie plötzliche Schocks oder schleichende Verschlechterungen. Dazu gehören auch klimabedingte Gesundheitsfolgen wie Mangelernährung, Infektionskrankheiten wie Malaria oder Dengue oder zunehmende Wasserknappheit — Erscheinungsformen der Klimakrise, die heute schon Realität sind, Tendenz steigend.
Auf diesen Systemschock treffen die Kürzungen Deutschlands sowie anderer Geber: Deutschland hat das humanitäre Budget 2025 um die Hälfte reduziert, auf etwa eine Milliarde Euro – dieses Rekordtief soll 2026 beibehalten werden. Großbritannien, Frankreich, die Schweiz, Belgien und die Niederlande kürzen teils um bis zu 40 %.
Wo entstehen in der Praxis Versorgungslücken? Fehlen dann Medikamente, Personal, Kühlketten, mobile Kliniken – oder scheitert es am Ende daran, dass weniger Einsätze überhaupt starten können?
Obwohl Ärzte ohne Grenzen unabhängig von staatlicher Finanzierung ist, sehen wir die Auswirkungen in den Ländern, in denen wir arbeiten: In Somalia haben andere Organisationen Ernährungszentren für mangelernährte Kinder schließen müssen, im Südsudan fielen mobile Cholera-Kliniken aus, in Haiti brachen Trinkwassersysteme zusammen. HIV-Programme in Südafrika, Uganda und Simbabwe wurden eingestellt, Tuberkulose-Programme weltweit drohen Engpässen. Für Ärzte Ohne Grenzen bedeutet das konkret: Wir behandeln mehr Patient*innen, passen Programme an und versuchen, Lücken zu füllen – können aber die Erosion des Systems nicht kompensieren. Diese drastische Zerrüttung kommt in einer Zeit, in der Bedarfe massiv steigen – durch mehr Krisen, Konflikte und auch den Folgen des Klimawandels. Die massiven Kürzungen ohne langfristige Strategie lassen sowohl unmittelbar als auch mittelfristig Millionen Menschen ohne lebensrettende Hilfe zurück.
Deutschland betont regelmäßig seine besondere humanitäre Verantwortung. Wenn nun gekürzt wird: Welche Signale sendet das aus deiner Sicht an andere Geber, aber auch an betroffene Gemeinden?
Deutschland ist einer der wichtigsten humanitären Geber und hat sich selbst den Anspruch gesetzt, die „Neuordnung internationaler Zusammenarbeit“ aktiv mitzugestalten – gerade, weil andere Akteure wie die USA ihre Mittel reduzieren. Wenn der Haushalt 2026 die Kürzungen fortsetzt, sendet das ein verheerendes Signal: weg von einem verantwortungsvollen, prinzipienfesten Engagement, hin zu kurzfristigem, sicherheits- oder wirtschaftsgetriebenem Denken.
Gibt es da konkrete Beispiele im Gesundheitsbereich?
Kürzungen von US-Geldern und anderen Mitteln beim Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria haben bereits viele Präventions‑, Diagnose- und Behandlungsprogramme ins Stocken gebracht, etwa im Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, der DR Kongo und in Teilen Asiens und Lateinamerikas. Mit den deutschen Kürzungen von 1,3 auf eine Milliarde Euro für 2026–2028 droht sich die Lage weiter zu verschärfen; wir rechnen mit mehreren Millionen vermeidbaren Neuinfektionen.
Wenn ein Land wie Deutschland, mit diesem Gewicht, die Mittel kürzt, schwächt das die internationale Solidarität, legitimiert Einsparungen anderer Geber und untergräbt das Vertrauen der betroffenen Gemeinden. Humanitäre Hilfe darf nicht nach politischen oder wirtschaftlichen Interessen verteilt werden, sondern muss sich am tatsächlichen Bedarf orientieren.

Wie blickt ihr vor diesem Hintergrund in die Zukunft der Arbeit von Hilfsorganisationen?
Als medizinische Nothilfeorganisation leisten wir weiterhin unabhängige, bedarfsorientierte Hilfe. Wir schlagen Alarm, machen Folgen der Kürzungen sichtbar und arbeiten eng mit Partnern aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft zusammen – mit Fokus auf Krisen, die aus dem Blick geraten oder gedrängt werden, und schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen. Ohne die Unterstützung Deutschlands und anderer verlässlicher Geber lassen sich die wachsenden Lücken des humanitären Systems jedoch nicht schließen.
Das Interview führte Dr. Teresa Hollerbach.
Mit diesem und weiteren Interviews mit unseren CPHP- und externen Wissenschaftler*innen möchten wir aktuelle Debatten rund um planetare Gesundheit aufgreifen und über unsere Arbeit und Schwerpunkte informieren.
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