Offener Brief an den Bundesumweltminister, die Vorsitzende der Umweltministerkonferenz und die Minister*innen für Umwelt und Länder
Umsetzung der EU-Luftqualitätsrichtlinie: Gemeinsame Ambition für die Gesundheit statt teurer Verzögerungen
Prof. Dr. Christian Schulza, Anne Staufferb, Dorothea Baltruksc, Siri Roßberga
a) Geschäftsführer, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG)
b) Stellvertretende Geschäftsführerin, Health and Environment Alliance (HEAL)
c) Leiterin, Centre for Planetary Health Policy (CPHP)
Sehr geehrter Herr Bundesumweltminister Schneider,
Sehr geehrte Frau Berg,
Sehr geehrte Ministerinnen und Minister für Umwelt der Länder,
auf Vorschlag des hessischen Umweltministers Ingmar Jung, haben Sie sich bei der letzten Umweltministerkonferenz, die am 16.05.2025 tagte, für „realistische Ziele der Luftreinhaltung“ ausgesprochen und den Bund gebeten, bei der Umsetzung der EU-Luftqualitätsrichtlinie Ausnahmen zu beachten, um „unverhältnismäßige Maßnahmen“ zu vermeiden.
Wir – die Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG), die Health and Environment Alliance (HEAL) und das Centre for Planetary Health Policy (CPHP) – fordern Sie auf, die EU-Luftqualitätsrichtlinie (2024/2881) zügig und ambitioniert umzusetzen.
Luftverschmutzung ist das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko für die Menschen in Deutschland. Jährlich sterben zehntausende von Menschen vorzeitig infolge der Belastung durch Feinstaub und andere Luftschadstoffe.1 Strengere Grenz- und Zielwerte, die spätestens ab 2030 gelten sollten, sind daher essenziell: Sie können Leben retten, chronische Krankheiten verhindern, Gesundheitskosten reduzieren und die Lebensqualität insgesamt verbessern. Außerdem werden die neuen Standards zu mehr Umweltgerechtigkeit beitragen.2
Auch aus ökonomischer Sicht besteht Handlungsbedarf: Die jährlichen Kosten durch Luftschadstoffe und Treibhausgase belaufen sich laut aktuellen Schätzungen auf über 300 Milliarden Euro.3 Strengere Grenzwerte können diese finanziellen Belastungen deutlich senken.
Zudem machen die Ergebnisse einer aktuellen Studie deutlich, dass die Einhaltung der neuen Grenzwerte bis 2030 – also ohne Fristverlängerung – durch die Umsetzung zielgerichteter Maßnahmen möglich ist.4 Dies hätte nicht nur positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit, sondern auch für die Umwelt und die Wirtschaft – national wie international.
Daher appellieren wir an Sie als politische Entscheidungsträger*innen die vollständige Umsetzung der im Dezember verabschiedeten Luftqualitätsrichtlinie in die Wege zu leiten. Wir sprechen uns deutlich gegen jedwede Verzögerungen und Verlängerungen aus.
Es braucht zeitnah wirksame Maßnahmen, um die Bürgerinnen und Bürger wirksam vor gesundheitsschädlicher Luftverschmutzung zu schützen. Auch auf kommunaler Ebene erachten wir es als zielführender, Ressourcen in die Entwicklung von wirksamen Lösungen zur Einhaltung der neuen Grenzwerte zu investieren, anstatt Anträge auf Ausnahmen oder Fristverlängerungen zu stellen – zumal letztere zusätzliche bürokratische Anforderungen mit sich bringen. Dabei sollten Bund und Länder die Kommunen gezielt bei der Erarbeitung von Maßnahmen und Luftreinhalteplänen unterstützen, um eine flächendeckende und sozial gerechte Einhaltung der neuen Grenzwerte sicherzustellen.
Durch die Luftreinhaltepolitik, die vor allem durch die Gesetzgebung auf europäischer Ebene vorangebracht wurde, ist die Luft hierzulande bereits deutlich besser geworden. Dies zeigt, dass politische Maßnahmen in diesem Bereich wirksam sind. Doch die aktuellen epidemiologischen Daten belegen auch: Luftverschmutzung ist noch immer die größte umweltbezogene Gesundheitsgefahr. Um die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu schützen und Gesundheitskosten zu vermeiden, müssen die neuen Grenz- und Zielwerte der EU-Luftqualitätsrichtlinie schnellstmöglich umgesetzt werden.
Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Dr. Christian Schulz, Geschäftsführer, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG)
Anne Stauffer, Stellvertretende Geschäftsführerin, Health and Environment Alliance (HEAL)
Dorothea Baltruks, Leiterin, Centre for Planetary Health Policy (CPHP)
Siri Roßberg, Sprecherin AG Saubere Luft, KLUG
Dieser Text wurde am 8. September 2025 als offener Brief an den Bundesumweltminister, die Vorsitzende der Umweltministerkonferenz und die Minister*innen für Umwelt der Länder verschickt.
1 Europäische Umweltagentur (2024). Germany — Air pollution country factsheet 2024.
https://www.eea.europa.eu/en/topics/in-depth/air-pollution/air-pollution-country-fact-sheets-2024/germany-air-pollution-country-fact-sheet-2024 [03.09.2025].
2 Perroud-Akkermann, S. (2024). Wie Luftreinhalte-Maßnahmen helfen können, sozioökonomisch-gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern. Health and Environment Alliance (HEAL).
https://www.env-health.org/wp-content/uploads/2025/04/DE_241219_HEA_Clean-Air-Brief.pdf [03.09.2025].
3 Umweltbundesamt (UBA) (2024). Gesellschaftliche Kosten von Umweltbelastungen.
https://www.umweltbundesamt.de/daten/umwelt-wirtschaft/gesellschaftliche-kosten-von-umweltbelastungen [03.09. 2025].
4 Misra, A., Dubey J, J., Rose, R., et al. (2025). Climate impact of air pollution levels aligning with European Commission’s proposed air quality standards.
https://eeb.org/wp-content/uploads/2025/02/Final_Merged_Report.pdf [03.09.2025].
