Am: 25.11.2025

Ort: Berlin

Aus­rei­chend, gesund, nach­hal­tig: Wie kann und soll das Ernäh­rungs­sys­tem der Zukunft aus­se­hen?

Aus­rei­chend, gesund, nach­hal­tig: Wie sieht das Ernäh­rungs­sys­tem der Zukunft aus?

Die­ser Fra­ge gin­gen wir am 25. Novem­ber einem Aus­tausch­tref­fen nach, das wir gemein­sam mit Dia­ko­nie Deutsch­land und KLUG ver­an­stal­ten durf­ten. Ein reich­hal­ti­ger Aus­tausch mit Ver­ei­nen und Bünd­nis­sen aus dem Land­wirt­schafts- und Ernäh­rungs­be­reich, Wissenschaftler*innen, Sozi­al- und Umwelt­ver­bän­den, Gesundheitsakteur*innen, Armutsaktivist*innen, Ernäh­rungs­rä­ten und ande­ren ehren­amt­lich Enga­gier­ten.

Vier Personen aus dem Team von KLUG und CPHP, Dorothea Baltruks, Max Bürck Gemassmer, Nicola Arnold und Viktoria Baum, sitzen in einem Raum mit Stühlen und Tischen, im Hintergrund Banner mit Logos von KLUG, CPHP und GlücksSpirale.

Ernüch­tern­der Sta­tus Quo

Clau­dia Hune­cke (Pots­dam Insti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung) brach­te zu Beginn die ernüch­tern­den Fak­ten zum der­zei­ti­gen Sta­tus Quo mit: Die ver­steck­ten Umwelt- und Gesund­heits­kos­ten des Ernäh­rungs­sys­tems kos­ten Deutsch­land 330 Mil­li­ar­den Euro im Jahr – gan­ze 7% des BIP. Gleich­zei­tig sind 1,6 Mil­lio­nen Men­schen auf Tafeln ange­wie­sen und man kann davon aus­ge­hen, dass ein gro­ßer Teil der 13 Mil­lio­nen armuts­ge­fähr­de­ten Men­schen auch von Ernäh­rungs­ar­mut gefähr­det ist.

Ernäh­rung und Gesund­heit: Hohe Last durch ver­meid­ba­re Erkran­kun­gen

Die gro­ßen Gesund­heits­kos­ten und das damit ver­bun­de­ne Leid durch ernäh­rungs­be­ding­te Erkran­kun­gen brach­te Bar­ba­ra Bit­zer (Deut­sche Alli­anz Nicht­über­trag­ba­re Krank­hei­ten) auf den Punkt: Allei­ne Adi­po­si­tas ver­ur­sa­che jähr­li­che Kos­ten von 63 Mrd. Euro – Fol­ge­er­kran­kun­gen noch gar nicht mit­ge­rech­net. Deutsch­land set­ze bis­lang auf weit­ge­hend wir­kungs­lo­se Frei­wil­lig­keit statt von den erfolg­rei­chen ver­pflich­ten­den Vor­ga­ben ande­rer Län­der zu ler­nen. Eine gesun­de Mehr­wert­steu­er oder ein Ver­bot von an Kin­der gerich­te­te Lebens­mit­tel­wer­bung befür­wor­tet dabei auch ein über­wäl­ti­gen­der Teil der deut­schen Bevöl­ke­rung.

Die Referentin Reinhild Bennig mit grauem Sakko und schwarzem Rollkragenpullover steht vor einem Bildschirm mit grünem Hintergrund und Text zur Ernährungsgerechtigkeit, rechts das Logo der Deutschen Umwelthilfe und INFA.

Drei Work­shops — Drei Per­spek­ti­ven

In 3 Work­shops ver­tief­ten wir 1) mit Bet­ti­na Lock­lair (Katho­li­sche Land­volk­be­we­gung) ernäh­rungs­be­zo­ge­ne Her­aus­for­de­run­gen im länd­li­chen Raum; 2) mit Saskia Rich­artz (Ernäh­rungs­rat Ber­lin) Ernäh­rungs­um­ge­bun­gen in urba­nen Räu­men; und 3) mit Rein­hild Ben­ning (Deut­sche Umwelt­hil­fe) Ver­tei­lungs­fra­gen (ein­schließ­lich Agrar­sub­ven­tio­nen und Preis­bil­dungs­struk­tu­ren) im Ernäh­rungs­sys­tem.

Die Referentin Barbara Bitzer steht am Rednerpult vor Leinwand mit Präsentation zu Forderungen für mehr Verhältnisprävention, vier Punkte in blauen Kästen.

Zen­tra­le Stell­schrau­ben für ein nach­hal­ti­ges Ernäh­rungs­sys­tem

Die abschlie­ßen­de Podi­ums­dis­kus­si­on mit Katha­ri­na Varel­mann (PECO-Insti­tut für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung), Oli­ver Hui­zin­ga (AOK Bun­des­ver­band), Dani­el Zai­bi (Armuts­ak­ti­vist) und Mat­thi­as Lam­brecht (Green­peace), mode­riert von unse­rer Lei­te­rin Doro­thea Baltruks, warf einen Blick in die Zukunft. Dabei wur­de deut­lich:

Nach­hal­ti­ge Land­wirt­schaft ist ver­ein­bar mit fai­ren Prei­sen

Der Aus­bau der nach­hal­ti­gen Land­wirt­schaft mit guten Arbeits- und Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen ist abso­lut ver­ein­bar mit erschwing­li­chen Lebens­mit­teln für alle. Dabei spielt die Steue­rungs­wir­kung von Sub­ven­tio­nen und Steu­ern eben­so eine Rol­le wie der Ein­fluss der gro­ßen vier Lebens­mit­tel­kon­zer­ne.

Sozia­le Lösun­gen statt Preis­dum­ping

Ernäh­rungs­ar­mut kann nicht durch „Preis­dum­ping“ im Ein­zel­han­del gelöst wer­den. Sozi­al­po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen (Stich­wort 6,51€ pro Tag für Lebens­mit­tel für Bürgergeld-Empfänger*innen) und ande­re Lebens­hal­tungs­kos­ten (wie stei­gen­de Mie­ten) sind hier eben­so wich­tig wie Pro­gram­me und Initia­ti­ven, die nach­hal­ti­ge Lebens­mit­tel direkt und güns­tig an die Verbraucher*innen brin­gen. Von Armut, aber auch den zuneh­men­den Kli­ma­wan­del­fol­gen sind auch vie­le Beschäf­tig­te (vor allem Sai­son­ar­beits­kräf­te) und Kleinbäuer*innen betrof­fen. Arbeits­schutz und Unter­stüt­zung für klei­ne­re Betrie­be sind wich­tig, um für die Zukunft gerüs­tet zu sein.

Kran­ken­kas­sen als wich­ti­ge Akteur*innen der Prä­ven­ti­on

Kran­ken­kas­sen haben mit ihren Prä­ven­ti­ons­gel­dern die Mög­lich­keit, Ernäh­rungs­bil­dung und Pro­gram­me zu unter­stüt­zen. Außer­dem kön­nen sie Ver­si­cher­te durch ent­spre­chen­de Infor­ma­tio­nen und Anrei­ze errei­chen, sich aber auch auf poli­ti­scher Ebe­ne für eine gesün­de­re, nach­hal­ti­ge­re Ernäh­rung ein­set­zen. Dies ist nicht nur wich­tig, um Krank­heits­last zu ver­mei­den, son­dern auch im Sin­ne aller Beitragszahler*innen.

Redu­zie­rung der Tier­hal­tung als Schlüs­sel zur Nach­hal­tig­keit

Die ver­steck­ten Umwelt­kos­ten sind in der Tier­hal­tung beson­ders groß, da die­se einen über­pro­por­tio­na­len Bei­trag zum Kli­ma­wan­del, zu Land­nut­zung und Was­ser­ver­brauch sowie zum Bio­di­ver­si­täts­ver­lust ver­ant­wor­tet. Unter Expert*innen wie auch in gro­ßen Tei­len der Bevöl­ke­rung herrscht Einig­keit: Eine deut­li­che Redu­zie­rung der Tier­hal­tung in Län­dern wie Deutsch­land ist unum­gäng­lich für ein nach­hal­ti­ges und gerech­tes Ernäh­rungs­sys­tem.

Dank und Aus­blick

Wir dan­ken allen Referent*innen und Teil­neh­men­den für die reich­hal­ti­ge Dis­kus­si­on und ins­be­son­de­re der Dia­ko­nie Deutsch­land für die Initia­ti­ve und groß­ar­ti­ge Orga­ni­sa­ti­on!

Fotos: CPHP