Ausreichend, gesund, nachhaltig: Wie sieht das Ernährungssystem der Zukunft aus?
Dieser Frage gingen wir am 25. November einem Austauschtreffen nach, das wir gemeinsam mit Diakonie Deutschland und KLUG veranstalten durften. Ein reichhaltiger Austausch mit Vereinen und Bündnissen aus dem Landwirtschafts- und Ernährungsbereich, Wissenschaftler*innen, Sozial- und Umweltverbänden, Gesundheitsakteur*innen, Armutsaktivist*innen, Ernährungsräten und anderen ehrenamtlich Engagierten.

Ernüchternder Status Quo
Claudia Hunecke (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) brachte zu Beginn die ernüchternden Fakten zum derzeitigen Status Quo mit: Die versteckten Umwelt- und Gesundheitskosten des Ernährungssystems kosten Deutschland 330 Milliarden Euro im Jahr – ganze 7% des BIP. Gleichzeitig sind 1,6 Millionen Menschen auf Tafeln angewiesen und man kann davon ausgehen, dass ein großer Teil der 13 Millionen armutsgefährdeten Menschen auch von Ernährungsarmut gefährdet ist.
Ernährung und Gesundheit: Hohe Last durch vermeidbare Erkrankungen
Die großen Gesundheitskosten und das damit verbundene Leid durch ernährungsbedingte Erkrankungen brachte Barbara Bitzer (Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten) auf den Punkt: Alleine Adipositas verursache jährliche Kosten von 63 Mrd. Euro – Folgeerkrankungen noch gar nicht mitgerechnet. Deutschland setze bislang auf weitgehend wirkungslose Freiwilligkeit statt von den erfolgreichen verpflichtenden Vorgaben anderer Länder zu lernen. Eine gesunde Mehrwertsteuer oder ein Verbot von an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung befürwortet dabei auch ein überwältigender Teil der deutschen Bevölkerung.

Drei Workshops — Drei Perspektiven
In 3 Workshops vertieften wir 1) mit Bettina Locklair (Katholische Landvolkbewegung) ernährungsbezogene Herausforderungen im ländlichen Raum; 2) mit Saskia Richartz (Ernährungsrat Berlin) Ernährungsumgebungen in urbanen Räumen; und 3) mit Reinhild Benning (Deutsche Umwelthilfe) Verteilungsfragen (einschließlich Agrarsubventionen und Preisbildungsstrukturen) im Ernährungssystem.

Zentrale Stellschrauben für ein nachhaltiges Ernährungssystem
Die abschließende Podiumsdiskussion mit Katharina Varelmann (PECO-Institut für nachhaltige Entwicklung), Oliver Huizinga (AOK Bundesverband), Daniel Zaibi (Armutsaktivist) und Matthias Lambrecht (Greenpeace), moderiert von unserer Leiterin Dorothea Baltruks, warf einen Blick in die Zukunft. Dabei wurde deutlich:
Nachhaltige Landwirtschaft ist vereinbar mit fairen Preisen
Der Ausbau der nachhaltigen Landwirtschaft mit guten Arbeits- und Ausbildungsbedingungen ist absolut vereinbar mit erschwinglichen Lebensmitteln für alle. Dabei spielt die Steuerungswirkung von Subventionen und Steuern ebenso eine Rolle wie der Einfluss der großen vier Lebensmittelkonzerne.
Soziale Lösungen statt Preisdumping
Ernährungsarmut kann nicht durch „Preisdumping“ im Einzelhandel gelöst werden. Sozialpolitische Rahmenbedingungen (Stichwort 6,51€ pro Tag für Lebensmittel für Bürgergeld-Empfänger*innen) und andere Lebenshaltungskosten (wie steigende Mieten) sind hier ebenso wichtig wie Programme und Initiativen, die nachhaltige Lebensmittel direkt und günstig an die Verbraucher*innen bringen. Von Armut, aber auch den zunehmenden Klimawandelfolgen sind auch viele Beschäftigte (vor allem Saisonarbeitskräfte) und Kleinbäuer*innen betroffen. Arbeitsschutz und Unterstützung für kleinere Betriebe sind wichtig, um für die Zukunft gerüstet zu sein.
Krankenkassen als wichtige Akteur*innen der Prävention
Krankenkassen haben mit ihren Präventionsgeldern die Möglichkeit, Ernährungsbildung und Programme zu unterstützen. Außerdem können sie Versicherte durch entsprechende Informationen und Anreize erreichen, sich aber auch auf politischer Ebene für eine gesündere, nachhaltigere Ernährung einsetzen. Dies ist nicht nur wichtig, um Krankheitslast zu vermeiden, sondern auch im Sinne aller Beitragszahler*innen.
Reduzierung der Tierhaltung als Schlüssel zur Nachhaltigkeit
Die versteckten Umweltkosten sind in der Tierhaltung besonders groß, da diese einen überproportionalen Beitrag zum Klimawandel, zu Landnutzung und Wasserverbrauch sowie zum Biodiversitätsverlust verantwortet. Unter Expert*innen wie auch in großen Teilen der Bevölkerung herrscht Einigkeit: Eine deutliche Reduzierung der Tierhaltung in Ländern wie Deutschland ist unumgänglich für ein nachhaltiges und gerechtes Ernährungssystem.
Dank und Ausblick
Wir danken allen Referent*innen und Teilnehmenden für die reichhaltige Diskussion und insbesondere der Diakonie Deutschland für die Initiative und großartige Organisation!
Fotos: CPHP
