Rah­men­be­din­gun­gen für ein nach­hal­ti­ges Arz­nei­mit­tel­we­sen stär­ken

Rah­men­be­din­gun­gen für ein nach­hal­ti­ges Arz­nei­mit­tel­we­sen stär­ken

Doro­thea Baltruks, Mil­va Ende, Lena Tisch­ler

DOI: 10.5281/zenodo.20051261

Die­ser Poli­cy Brief stellt die Her­aus­for­de­rung und poli­ti­schen Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für Rah­men­be­din­gun­gen eines nach­hal­ti­ge­ren Arz­nei­mit­tel­we­sens dar. Arz­nei­mit­tel sind unver­zicht­bar für die Gesund­heits­ver­sor­gung, belas­ten aber durch Treib­haus­gas­emis­sio­nen, Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de in Gewäs­sern und Res­sour­cen­ver­brauch die Umwelt. Ent­lang des gesam­ten Lebens­zy­klus eines Arz­nei­mit­tels erge­ben sich Ansatz­punk­te, begin­nend mit der Not­wen­dig­keit einer natio­na­len Stra­te­gie, die Kli­ma­schutz, Kreis­lauf­wirt­schaft und Ver­sor­gungs­si­cher­heit ver­knüpft, sowie die Stär­kung euro­päi­scher Lie­fer­ket­ten durch Diver­si­fi­zie­rung, Trans­pa­renz und ver­bind­li­che Nach­hal­tig­keits­in­di­ka­to­ren. Zen­tra­le Hebel sind die Berück­sich­ti­gung von Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tun­gen in Zulas­sungs­pro­zes­sen, die För­de­rung nach­hal­ti­ger Pro­duk­ti­on durch Anrei­ze in Rabatt­ver­trä­gen und Aus­schrei­bun­gen, die Ver­ein­heit­li­chung der Alt­arz­nei­mit­tel-Ent­sor­gung sowie die Auf­rüs­tung von Klär­an­la­gen zur Reduk­ti­on von Arz­nei­mit­tel­rück­stän­den. Zudem wird die Bedeu­tung von trans­pa­ren­ten Infor­ma­tio­nen und Sen­si­bi­li­sie­rung von Gesund­heits­fach­kräf­ten und der Öffent­lich­keit beschrie­ben. Ein ganz­heit­li­cher Ansatz, der Prä­ven­ti­on und Gesund­heits­för­de­rung in den Vor­der­grund stellt, wird als Schlüs­sel für ein zukunfts­fä­hi­ges, nach­hal­ti­ges Arz­nei­mit­tel­we­sen iden­ti­fi­ziert.

1. Kli­ma- und Umwelt­bi­lanz des Arz­nei­mit­tel­we­sens

Arz­nei­mit­tel sind ein unver­zicht­ba­rer Bestand­teil moder­ner Gesund­heits­sys­te­me und leis­ten einen zen­tra­len Bei­trag zur Prä­ven­ti­on und Behand­lung von Krank­hei­ten. Gleich­zei­tig sind sie – wie nahe­zu alle indus­tri­ell her­ge­stell­ten Pro­duk­te – mit Kli­ma- und Umwelt­aus­wir­kun­gen ent­lang ihres gesam­ten Lebens­zy­klus ver­bun­den, von der Wirk­stoff­pro­duk­ti­on über Her­stel­lung und Logis­tik bis hin zur Anwen­dung und Ent­sor­gung (sie­he Abbil­dung 1).

Lebens­zy­klus Arz­nei­mit­tel

Eige­ne Dar­stel­lung

Die phar­ma­zeu­ti­sche Indus­trie hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­stärkt Maß­nah­men zur Emis­si­ons­min­de­rung ergrif­fen. Vor dem Hin­ter­grund wach­sen­der Anfor­de­run­gen an Kli­ma­schutz und Umwelt­ver­träg­lich­keit besteht jedoch wei­ter­hin erheb­li­ches Poten­zi­al, die Nach­hal­tig­keit ent­lang des gesam­ten Lebens­zy­klus von Arz­nei­mit­teln wei­ter zu ver­bes­sern.

Die Arz­nei­mit­tel­in­dus­trie ist für etwa 1% der glo­ba­len Treib­haus­gas­emis­sio­nen verantwortlich.¹ Für Deutsch­land lie­gen ver­schie­de­ne Schätz­wer­te vor: Ins­ge­samt ent­fal­len rund 6 % der natio­na­len Emis­sio­nen auf den Gesund­heits­sek­tor, zu dem auch Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on und ‑ver­brauch gehören.² Ihr genau­er Anteil vari­iert je nach Daten­grund­la­ge und Sys­tem­ab­gren­zung.

Zudem kön­nen laut Umwelt­bun­des­amt (UBA) meh­re­re hun­dert Arz­nei­mit­tel­wirk­stof­fe in deut­schen Ober­flä­chen­ge­wäs­sern nach­ge­wie­sen wer­den, teils in Kon­zen­tra­tio­nen, die öko­to­xi­ko­lo­gi­sche Risi­ken für Fische, Kreb­se und Mikro­or­ga­nis­men bergen.³ Die gemes­se­nen Kon­zen­tra­tio­nen in Trink- und Ober­flä­chen­was­ser lie­gen in der Regel deut­lich unter toxi­ko­lo­gi­schen Schwel­len für aku­te Wir­kun­gen beim Men­schen. Aller­dings zei­gen Stu­di­en, dass bereits heu­ti­ge Kon­zen­tra­tio­nen Effek­te auf Was­ser­or­ga­nis­men ver­ur­sa­chen kön­nen (z. B. Hor­mon­stö­run­gen, Ver­hal­tens­än­de­run­gen, Fort­pflan­zungs­stö­run­gen),4 die mit­tel­bar auch Öko­sys­tem­leis­tun­gen beein­träch­ti­gen.

Arz­nei­mit­tel sind dabei eine beson­de­re Stoff­grup­pe, da ihre bio­lo­gi­sche Wirk­sam­keit gezielt ent­wi­ckelt wird, um Krank­hei­ten zu behan­deln oder zu ver­hin­dern. Die­se Eigen­schaf­ten las­sen sich (nach jet­zi­gem For­schungs­stand) nicht voll­stän­dig durch umwelt­ver­träg­li­che­re Alter­na­ti­ven erset­zen, zumal die Ent­wick­lung neu­er Wirk­stof­fe häu­fig mehr als ein Jahr­zehnt in Anspruch nimmt. Dar­aus ergibt sich ein grund­le­gen­der Ziel­kon­flikt zwi­schen medi­zi­ni­schem Nut­zen und Umwelt­ver­träg­lich­keit.

Ein Groß­teil der Umwelt­be­las­tung ent­steht wäh­rend der Anwen­dung von Arz­nei­mit­teln sowie durch die anschlie­ßen­de Aus­schei­dung durch Patient*innen. Ein­trä­ge wäh­rend der Pro­duk­ti­on wer­den in Euro­pa regu­la­to­risch zwar bereits begrenzt, sind jedoch nicht voll­stän­dig aus­ge­schlos­sen.

Beson­ders kri­tisch bewer­tet wer­den lang­fris­ti­ge Belas­tun­gen durch Wirk­stoff­ge­mi­sche sowie poten­zi­el­le Risi­ken für vul­nerable Grup­pen (z. B. Kin­der, Schwan­ge­re oder Men­schen mit Vor­er­kran­kun­gen). Wei­te­re Her­aus­for­de­run­gen sind die welt­wei­te Zunah­me von Anti­bio­ti­ka­re­sis­ten­zen sowie die bis­lang unzu­rei­chend ver­stan­de­nen Effek­te der Abbau­pro­duk­te von Arz­nei­mit­teln und deren Anrei­che­rung in Orga­nis­men (Bio­ak­ku­mu­la­ti­on).6

Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tun­gen (Envi­ron­men­tal Risk Assess­ments, ERA) sind seit 2006 für Neu­zu­las­sun­gen sowie für Ände­run­gen der Zulas­sung oder der Appli­ka­ti­ons­art von Human­arz­nei­mit­tel ver­pflich­tend,7 wer­den jedoch bis­lang nur teil­wei­se trans­pa­rent zugäng­lich gemacht.8 Dies erschwert die Ent­wick­lung und Umset­zung geziel­ter Maß­nah­men zur Reduk­ti­on von Arz­nei­mit­tel­rück­stän­den in der Umwelt.

Auch Tier­arz­nei­mit­tel tra­gen zu die­sen Umwelt­wir­kun­gen bei: Im Jahr 2018 waren 443 Wirk­stof­fe für tier­me­di­zi­ni­sche Zwe­cke auf dem Markt. Im Jahr 2023 wur­den 529 Ton­nen Anti­bio­ti­ka in der Tier­hal­tung ver­wen­det.9 Da sich der Rege­lungs­rah­men für Tier­arz­nei­mit­tel in vie­len Berei­chen unter­schei­det, liegt der Fokus die­ses Poli­cy Briefs auf den Human­arz­nei­mit­teln.

Rah­men­be­din­gun­gen auf natio­na­ler und euro­päi­scher Ebe­ne im Fokus

Nach­dem das CPHP gemein­sam mit der Buce­ri­us Law School bereits 2023 in einem Poli­cy Brief die wich­tigs­ten Hebel für eine nach­hal­ti­ge­re Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung identifizierte,10 ver­tieft das CPHP die­se Mög­lich­kei­ten seit April 2025 in einem vom UBA geför­der­ten Pro­jekt zu poli­ti­schen Stra­te­gien für eine nach­hal­ti­ge Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung.

Die Schwer­punk­te und Emp­feh­lun­gen in die­sem Poli­cy Brief sind im Aus­tausch mit Stake­hol­dern aus Indus­trie, Kran­ken­kas­sen, Wis­sen­schaft, Behör­den sowie der phar­ma­zeu­ti­schen und medi­zi­ni­schen Pra­xis ent­stan­den. Bei einem run­den Tisch im Sep­tem­ber 2025 wur­den zunächst aktu­el­le Ent­wick­lun­gen und Her­aus­for­de­run­gen für ein öko­lo­gisch nach­hal­ti­ge­res Arz­nei­mit­tel­we­sen dis­ku­tiert. In drei Arbeits­grup­pen reflek­tier­ten die unter­schied­li­chen Stake­hol­der anschlie­ßend, wel­che Hebel poli­tisch bzw. recht­lich mög­lich, wirk­sam und umsetz­bar wären, um ent­lang des Lebens­zy­klus eines Arz­nei­mit­tels Nach­hal­tig­keit zu för­dern.

Die­ser Poli­cy Brief beschreibt die poli­ti­schen Hebel für eine stär­ke­re Ver­an­ke­rung von Nach­hal­tig­keit im Arz­nei­mit­tel­we­sen, die im Rah­men der Arbeits­grup­pen sowie der vor­be­rei­ten­den Ana­ly­se des CPHP als beson­ders Was wir unter Nach­hal­tig­keit im Arz­nei­mit­tel­we­sen ver­ste­hen.

Was wir unter Nach­hal­tig­keit im Arz­nei­mit­tel­we­sen ver­ste­hen

Mit Nach­hal­tig­keit mei­nen wir in die­sem Poli­cy Brief, dass Ent­wick­lung, Pro­duk­ti­on, Dis­tri­bu­ti­on, Anwen­dung und Ent­sor­gung von Arz­nei­mit­teln über ihren gesam­ten Lebens­zy­klus so gestal­tet wer­den, dass Treib­haus­gas­emis­sio­nen und wei­te­re Umwelt­aus­wir­kun­gen – ins­be­son­de­re Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de in Gewäs­sern und Öko­sys­te­men – wirk­sam mini­miert wer­den, ohne Ver­sor­gungs­qua­li­tät, Patient*innensicherheit und gerech­ten Zugang zu beein­träch­ti­gen. Sie umfasst daher die Reduk­ti­on ener­gie- und res­sour­cen­in­ten­si­ver Her­stel­lungs­pro­zes­se wie auch des Ein­sat­zes kri­ti­scher Lösungs­mit­tel und Ver­pa­ckun­gen, eine kli­ma­scho­nen­de Logis­tik sowie Maß­nah­men zur Ver­mei­dung und Behe­bung von Arz­nei­stoff­ein­trä­gen in Abwas­ser und Umwelt. Dabei wird sie ein­ge­bet­tet in das Drei-Säu­len-Ver­ständ­nis von öko­lo­gi­scher, öko­no­mi­scher und sozia­ler Ver­ant­wor­tung im Gesund­heits­we­sen.68

2. Wich­ti­ge poli­ti­sche Hebel für ein
nach­hal­ti­ge­res Arz­nei­mit­tel­we­sen

Gesetz­li­cher Rah­men für Kli­ma­schutz und Nach­hal­tig­keit in Deutsch­land

Ein­ge­bet­tet in euro­päi­sche und inter­na­tio­na­le Abkom­men und Geset­ze, geben ins­be­son­de­re das Kli­ma­schutz­ge­setz und die Deut­sche Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie Rah­men und Ziel­set­zung vor.

Laut Kli­ma­schutz­ge­setz (KSG) soll Deutsch­land in 19 Jah­ren, also im Jahr 2045, kli­ma­neu­tral sein. Die­ses Ziel erfor­dert auch tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen im Gesund­heits­we­sen. Den­noch fehlt in Deutsch­land bis­lang eine eigen­stän­di­ge Stra­te­gie für den Weg zu Kli­ma­neu­tra­li­tät und öko­lo­gi­scher Nach­hal­tig­keit im Gesund­heits­sek­tor – anders als etwa in Öster­reich, den Nie­der­lan­den, Groß­bri­tan­ni­en oder Frank­reich.

Ein Zeit­raum von 19 Jah­ren ist ange­sichts der struk­tu­rel­len Kom­ple­xi­tät und beson­de­ren Sen­si­bi­li­tät des Gesund­heits­we­sens ein enger Zeit­ho­ri­zont. Auch Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler müs­sen sich lang­fris­tig auf eine solch grund­le­gen­de Trans­for­ma­ti­on ein­stel­len kön­nen. Es dau­ert im Durch­schnitt 13 Jah­re bis ein neu­es Arz­nei­mit­tel ent­wi­ckelt und unter den gege­be­nen regu­la­to­ri­schen Anfor­de­run­gen markt­reif ist. Der Auf­bau von Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen sowie grö­ße­re Ver­än­de­run­gen in Pro­duk­ti­on und Lie­fer­ket­ten müs­sen eben­falls lang­fris­tig geplant wer­den. Eine natio­na­le Stra­te­gie, wel­che Kli­ma- und Nach­hal­tig­keits­er­for­der­nis­se im Gesund­heits- und Arz­nei­mit­tel­we­sen mit Ver­sor­gungs­si­cher­heit, Bezahl­bar­keit und Inno­va­ti­ons­po­ten­ti­al ver­knüpft, ist daher längst über­fäl­lig.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist bedau­er­lich, dass die 2023 ver­ab­schie­de­te Natio­na­le Phar­ma­stra­te­gie des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums (BMG)11 kei­ne eigen­stän­di­gen Zie­le für die Reduk­ti­on von Treib­haus­gas­emis­sio­nen, Kreis­lauf­wirt­schaft oder Res­sour­cen­scho­nung erwähnt. Dabei wären die­se mit dem über­ge­ord­ne­ten Ziel, den Phar­ma­st­and­ort Deutsch­land wie­der attrak­ti­ver und zukunfts­fä­hi­ger zu machen und zugleich eine ver­läss­li­che, kri­sen­fes­te Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung sicher­zu­stel­len, eng ver­bun­den.

Die Deut­sche Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie (DNS) zielt dar­auf ab, nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung als Leit­prin­zip in allen Poli­tik­fel­dern zu ver­an­kern und damit die 17 Zie­le der Agen­da 2030 (Sus­tainable Deve­lo­p­ment Goals, SDGs) in, mit und durch Deutsch­land umzu­set­zen – öko­lo­gisch, öko­no­misch und sozi­al. Sie soll eine wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­hi­ge, sozi­al aus­ge­wo­ge­ne und öko­lo­gisch ver­träg­li­che Ent­wick­lung sichern, wobei pla­ne­ta­re Belas­tungs­gren­zen und ein Leben in Wür­de für alle als fes­te Leit­plan­ken die­nen. Die 2024 aktua­li­sier­te DNS erwähnt die Phar­ma­in­dus­trie nicht als eige­nen Sek­tor, son­dern indi­rekt über meh­re­re Trans­for­ma­ti­ons­be­rei­che: Unter „Mensch­li­ches Wohl­be­fin­den und Fähig­kei­ten / Gesund­heit“ wer­den eine leis­tungs­fä­hi­ge, resi­li­en­te Gesund­heits­ver­sor­gung und der Zugang zu Arz­nei­mit­teln als Bei­trä­ge zu SDG 3 ver­an­kert. Gleich­zei­tig for­dern die Berei­che „Klimaschutz/Energiewende „und „Nach­hal­ti­ge Wirt­schaft und Kreis­lauf­wirt­schaft“ von der (che­misch-) phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie Dekar­bo­ni­sie­rung, effi­zi­en­te­ren Res­sour­cen­ein­satz, recy­cling­fä­hi­ge Ver­pa­ckun­gen und ein ver­bes­ser­tes Che­mi­ka­li­en- und Schad­stoff­ma­nage­ment, wozu auch der Umgang mit Arz­nei­mit­tel­rück­stän­den und Medi­zin­ab­fäl­len zählt.12

  • Die kon­kre­te Umset­zung der Zie­le des Kli­ma­schutz­ge­set­zes und der Deut­schen Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie soll­te in einer natio­na­len Stra­te­gie für den Gesund­heits­sek­tor und ins­be­son­de­re für den Arz­nei­mit­tel­sek­tor – etwa im Rah­men der Natio­na­len Phar­ma­stra­te­gie – ver­an­kert wer­den. Leit­prin­zip die­ser Stra­te­gie soll­te dabei die Ver­ein­bar­keit von Kli­ma- und Nach­hal­tig­keits­zie­len mit Ver­sor­gungs­si­cher­heit und ‑qua­li­tät sowie Bezahl­bar­keit sein.
  • In den Begleit­pro­zes­sen des Kli­ma­schutz­ge­set­zes – etwa in Kli­ma­schutz­pro­gram­men und Moni­to­ringro­zes­sen – soll­te die För­de­rung kli­ma­neu­tra­ler Pro­duk­ti­ons­stand­or­te, von Ener­gie­ef­fi­zi­enz und der Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gien in der Phar­ma­in­dus­trie unter­stützt wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re in Fäl­len, in denen Unter­neh­men auf­grund von engen Mar­gen oder stark regu­lier­ten Prei­sen die Inves­ti­tio­nen nicht (voll­stän­dig) aus eige­nen Mit­teln finan­zie­ren kön­nen. Sol­che För­der­pro­gram­me sind als kofi­nan­zier­te Trans­for­ma­ti­ons­hil­fen mit stren­gen Kli­ma- und Umwelt­auf­la­gen zu kon­zi­pie­ren und soll­ten nicht der dau­er­haf­ten Sub­ven­tio­nie­rung lau­fen­der Kos­ten die­nen

Natio­na­le und euro­päi­sche Lie­fer­ket­ten­ge­setz­ge­bung

In Deutsch­land gilt seit 2023 das Lie­fer­ket­ten­sorg­falts­pflich­ten­ge­setz (LkSG), das Unter­neh­men ab 3.000 Mit­ar­bei­ten­den (seit 2024 ab 1.000) ver­pflich­tet, men­schen­recht­li­che und umwelt­be­zo­ge­ne Risi­ken in ihren glo­ba­len Lie­fer­ket­ten zu iden­ti­fi­zie­ren, zu bewer­ten und zu mini­mie­ren. Zudem sind sie ange­hal­ten, ange­mes­se­ne Abhil­fe­maß­nah­men zu ergrei­fen und jähr­lich dar­über zu berich­ten.

Auf EU-Ebe­ne wird ab 2029 die Cor­po­ra­te Sus­taina­bi­li­ty Due Dili­gence Direc­ti­ve (CSDDD) ver­bind­lich, die für gro­ße Unter­neh­men (ab 5.000 Mit­ar­bei­ten­den und 1,5 Mrd. Euro Umsatz)13 erwei­ter­te Sorg­falts­pflich­ten für Men­schen­rech­te und Umwelt über die gesam­te Wert­schöp­fungs­ket­te vor­sieht, ein­schließ­lich zivil­recht­li­cher Haf­tung und Buß­gel­dern in Höhe von bis zu 5% des welt­wei­ten Umsat­zes. Fast alle grö­ße­ren euro­päi­schen Phar­ma­un­ter­neh­men wer­den sich auf­grund die­ser EU-Gesetz­ge­bung auf stren­ge­re Vor­ga­ben für Wirk­stoff- und Abfall­ket­ten sowie die Ein­bin­dung von Lieferant*innen in ver­trag­li­che Nach­hal­tig­keits­und Com­pli­ance Sys­te­me ein­stel­len müs­sen. Daher ist zu erwar­ten, dass die Bran­che ihre glo­ba­len Lie­fer­ket­ten deut­lich nach­hal­ti­ger und trans­pa­ren­ter gestal­ten wird.

Ergän­zend wird im Rah­men der EU-Öko­de­sign-Ver­ord­nung für nach­hal­ti­ge Pro­duk­te (ESPR) schritt­wei­se der digi­ta­le Pro­dukt­pass (Digi­tal Pro­duct Pass­port, DPP) ein­ge­führt. Die­ser bün­delt stan­dar­di­sier­te, maschi­nen­les­ba­re Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen ent­lang des gesam­ten Lebens­zy­klus, etwa zu Mate­ri­al­zu­sam­men­set­zung, Her­kunft, CO2 ‑Fuß­ab­druck, Ener­gie- und Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz sowie zu Halt­bar­keit, Repa­rier­bar­keit und Recy­cling­fä­hig­keit. Ziel ist eine erhöh­te Trans­pa­renz hin­sicht­lich der Umwelt- und Kli­ma­wir­kun­gen sowie die För­de­rung der Kreis­lauf­wirt­schaft.14 Die Ein­füh­rung erfolgt schritt­wei­se nach Pro­dukt­grup­pen: Ab 2027 zunächst für Bat­te­rien,15 gefolgt von u. a. Tex­ti­li­en, Elek­tro­nik und wei­te­ren res­sour­cen­in­ten­si­ven Pro­duk­ten bis etwa 2030. Per­spek­ti­visch soll der DPP für nahe­zu alle phy­si­schen Pro­duk­te auf dem EU-Markt gel­ten und damit die Anfor­de­run­gen an Nach­hal­tig­keit und Trans­pa­renz in Lie­fer­ket­ten wei­ter erhö­hen. Arz­nei­mit­tel sind jedoch vor­erst vom DPP aus­ge­schlos­sen.16

Um Lie­fer­ket­ten im Phar­ma­sek­tor nach­hal­ti­ger zu gestal­ten, ohne Ver­sor­gungs­lü­cken oder star­ke Kos­ten­stei­ge­run­gen zu ris­kie­ren, sind vor allem gesteu­er­te, schritt­wei­se und koor­di­nier­te poli­ti­sche Maß­nah­men ange­zeigt. Wich­tig ist, dass Umwelt- und Men­schen­rechts­zie­le mit Ver­sor­gungs­si­cher­heit und finan­zi­el­ler Nach­hal­tig­keit ver­zahnt wer­den. Dafür braucht es:

  • Die Ein­füh­rung ver­bind­li­cher, ver­gleich­ba­rer Nach­hal­tig­keits­in­di­ka­to­ren (z.B. CO₂-Fuß­ab­druck, Was­ser­ver­brauch, Abfall­auf­kom­men und Arbeits­be­din­gun­gen) für Lie­fer­ket­ten von Arz­nei­mit­teln und Medi­zin­pro­duk­ten. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­men aus­rei­chend Vor­lauf benö­ti­gen,
    um die ent­spre­chen­den Daten zu erhe­be und vor­zu­hal­ten.
  • Den Auf­bau von Daten­platt­for­men und Bran­chen­stan­dards, damit Unter­neh­men nicht jedes Mal aufs Neue Indi­ka­to­ren ent­wi­ckeln müs­sen, son­dern auf bewähr­te, inter­ope­ra­ble Sys­te­me zurück­grei­fen kön­nen. Beson­ders rele­vant ist hier die Initia­ti­ve „Tog­e­ther for Sus­taina­bi­li­ty“
    der Che­mie­in­dus­trie, die die Mes­sung der Nach­hal­tig­keits­leis­tung von Che­mie­un­ter­neh­men und deren Zulie­fe­rern unter­stützt und koor­di­niert.17
  • Steu­er­li­che Anrei­ze und Inves­ti­ti­ons­zu­schüs­se (z.B. für CO₂-arme Pro­duk­ti­on, erneu­er­ba­re Ener­gien, ener­gie­ef­fi­zi­en­te Gebäu­de), um die Kos­ten­be­las­tung für Unter­neh­men zu sen­ken und Inves­ti­tio­nen in nach­hal­ti­ge Lie­fer­ket­ten zu beschleu­ni­gen.
  • Ent­wick­lung koor­di­nier­ter Kri­sen­plä­ne und stra­te­gi­scher Reser­ven (z. B. für kri­ti­sche Wirk­stof­fe), um Ver­sor­gungs­lü­cken zu ver­hin­dern und die Resi­li­enz der Lie­fer­ket­ten zu stär­ken.
  • Ver­knüp­fung von Maß­nah­men zur Ver­sor­gungs­si­cher­heit mit schritt­wei­sen­Ver­bes­se­run­gen von Umwelt- und Sozi­al­stan­dards ent­lang der Lie­fer­ket­ten, ins­be­son­de­re im Rah­men von Beschaf­fung, För­der­pro­gram­men und inter­na­tio­na­len Part­ner­schaf­ten sowie die För­de­rung von Diver­si­fi­zie­rung und regio­na­lem Kapa­zi­täts­auf­bau als Vor­aus­set­zung für lang­fris­tig höhe­re Nach­hal­tig­keits­stan­dards.

Syn­er­gien mit Ver­sor­gungs­si­cher­heit und Diver­si­fi­zie­rung von Pro­duk­ti­ons­stand­or­ten

Seit eini­gen Jah­ren wer­den die Risi­ken der Abhän­gig­keit Euro­pas von asia­ti­schen, ins­be­son­de­re chi­ne­si­schen Her­stel­lern von Wirk­stof­fen und Vor­pro­duk­ten, poli­tisch dis­ku­tiert. Wie eine Ana­ly­se im Auf­trag des Bran­chen­ver­bands Pro­Ge­ne­ri­ka e.V. angibt, befin­den sich 47% der Anti­bio­ti­ka­pro­duk­ti­ons­stand­or­te in Chi­na und für vie­le che­mi­sche Grund­stof­fe (z.B. Alka­lo­ide, Vit­ami­ne, Zwi­schen­pro­duk­te wie Dicyan­dia­mid für Met­formin) ist Chi­na der zen­tra­le oder nahe­zu ein­zi­ge Lie­fe­rant. Bei Anti­bio­ti­ka, Schmerz­mit­teln und ins­be­son­de­re Met­formin als wich­ti­gem Dia­be­tes­me­di­ka­ment besteht eine star­ke, teils „ver­steck­te“, Abhän­gig­keit von in Chi­na pro­du­zier­ten Wirk­stof­fen, Vor­pro­duk­ten und che­mi­schen Grund­stof­fen.18

Ein Aus­fall wesent­li­cher Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten in Chi­na oder Indi­en wür­de die euro­päi­sche Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung daher nicht nur kurz­fris­tig erheb­lich beein­träch­ti­gen, son­dern könn­te auf­grund regu­la­to­ri­scher Anfor­de­run­gen (z. B. GMP-Vor­ga­be­ni), lan­ger Auf­bau­zei­ten und hoher Inves­ti­ti­ons­kos­ten auch mit­tel­fris­tig nur schwer kom­pen­siert wer­den.

Die Pro­duk­ti­on von Wirk­stof­fen und Arz­nei­mit­teln in Euro­pa ist zwar kei­ne Garan­tie für nach­hal­ti­ge Pro­duk­ti­ons­wei­sen, jedoch ist die Über­prü­fung und Durch­set­zung des gemein­sa­men Rechts­rah­mens deut­lich ein­fa­cher als in Län­dern außer­halb der EU, ins­be­son­de­re in Chi­na. Durch das im Rah­men des „Fit for 55“-Pakets beschlos­se­ne Ziel, den Anteil erneu­er­ba­rer Ener­gien am Ener­gie­ver­brauch bis 2030 auf min­des­tens 42,5% zu stei­gern und anschlie­ßend wei­ter zu erhö­hen,19 ist zudem eine kli­ma­freund­li­che­re Pro­duk­ti­on in der EU zu erwar­ten. Daher hät­te die Diver­si­fi­zie­rung der Pro­duk­ti­on neben geo­po­li­ti­schen und ver­sor­gungs­re­le­van­ten Aspek­ten auch Vor­tei­le für die Stär­kung von Nach­hal­tig­keit in der Pro­duk­ti­on.

Die EU-Ver­ord­nung zu kri­ti­schen Arz­nei­mit­teln (Cri­ti­cal Medi­ci­nes Act — CMA), die 2026 beschlos­sen wer­den soll, zielt auf resi­li­en­te Lie­fer­ket­ten ab, ein­schließ­lich stra­te­gi­scher Pro­jek­te zur Stär­kung der EUPro­duk­ti­on sowie Schwach­stel­len­ana­ly­sen.20 Dadurch soll die Abhän­gig­keit von Dritt­län­dern redu­ziert wer­den.

Obwohl der CMA nicht direkt auf die Stär­kung öko­lo­gi­scher Nach­hal­tig­keit abzielt, könn­te sei­ne Umset­zung posi­ti­ve Neben­ef­fek­te haben, sofern es gelingt, Pro­duk­ti­on in die EU oder Län­dern mit trans­pa­ren­ten und kon­trol­lier­ba­ren Umwelt- und Arbeits­stan­dards auf euro­päi­schem Niveau zu ver­la­gern. In der EU-Arz­nei­mit­tel­stra­te­gie und der Reform des EU-Arz­nei­mit­tel­rechts ist die Stär­kung euro­päi­scher Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten aus­drück­lich als Ziel ver­an­kert. Staat­li­che Bei­hil­fen und ver­kürz­te Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren sol­len Inves­ti­tio­nen in EU-Stand­or­te zusätz­lich erleich­tern.

Auch auf Bun­des­ebe­ne hat die Stär­kung der Pro­duk­ti­on in Euro­pa an Stel­len­wert gewon­nen. Die Natio­na­le Phar­ma­stra­te­gie sieht ziel­ge­rich­te­te und pro­dukt­spe­zi­fi­sche Maß­nah­men vor, die zunächst die Pro­duk­ti­on von Anti­bio­ti­ka und Onko­lo­gi­ka in der EU stär­ken sol­len, um die Ver­sor­gung mit die­sen essen­ti­el­len Arz­nei­mit­tel­grup­pen lang­fris­tig sicher­zu­stel­len.21

Für die Jah­re 2025 und 2026 waren je 16,7 Mil­lio­nen Euro für Anrei­ze zur (Wie­der-) Ansied­lung von Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on in Deutsch­land als Teil der Haus­halts­mit­tel des BMG für Wirt­schafts- und Stand­ort­för­de­rung im Gesund­heits­be­reich ver­an­schlagt. In Gesprä­chen mit Phar­ma­in­dus­trie­ver­bän­den und ‑unter­neh­men konn­te jedoch nicht nach­voll­zo­gen wer­de, wie die­se Mit­tel kon­kret ein­ge­setzt wer­den. Ein­zel­ne Branchenvertreter*innen bezeich­ne­ten sie ange­sichts der Kos­ten für den Auf­bau von Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten zudem als einen „Trop­fen auf den hei­ßen Stein.“

Zusätz­li­che Anrei­ze schafft die steu­er­li­che For­schungs­för­de­rung des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums (BMF) sowie wei­te­re Maß­nah­men des soge­nann­ten „Wachs­tums­boos­ters“, die indi­rekt auch Inves­ti­tio­nen in Wirk­stoff­und Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on begüns­ti­gen könn­ten, da sie bran­chen­of­fen als all­ge­mei­ne Forschungs‑, Ent­wick­lungs- und Inves­ti­ti­ons­an­rei­ze kon­zi­piert sind.22

Das 2023 in Kraft getre­te­ne Arz­nei­mit­tel­Lie­fer­eng­pass­be­kämp­fungs- und Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rungs­ge­setz (ALBVVG)23 legt fest, dass zunächst die Hälf­te der Lose für Anti­bio­ti­ka für Rabatt­ver­trä­ge an Her­stel­ler mit Wirk­stoff­her­stel­lung in der EU/dem Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum ver­ge­ben wer­den sol­len. Bei ers­ten Aus­schrei­bun­gen nach die­ser Rege­lung wur­den die Zuschlä­ge mehr­heit­lich Bie­tern mit euro­päi­scher Pro­duk­ti­on gege­ben. Eine Aus­wei­tung die­ser Rege­lung auf wei­te­re Arz­nei­mit­tel­grup­pen, ins­be­son­de­re Onko­lo­gi­ka, ist vor­ge­se­hen.

Das ALBVVG legt außer­dem fest, dass eine Bevor­ra­tung inner­halb der EU, Ver­trags­staa­ten des Euro­päi­schen Wirt­schafts­raums oder Staa­ten mit ver­gleich­ba­rem Rechts­schutz und Arz­nei­mit­tel­zu­las­sungs­sys­tem den Lie­fer­um­fang für einen Zeit­raum von sechs Mona­ten vor­hal­ten muss. Dies könn­te eben­falls dazu bei­tra­gen, dass die Phar­ma­in­dus­trie die Pro­duk­ti­on in die EU sowie die Ver­gleich- oder Ver­trags­staa­ten ver­la­gert.

Bran­chen­ver­bän­de wie Pro Gene­ri­ka zie­hen bis­lang jedoch eine kri­ti­sche Bilanz: Die Effek­te des ALBVVG sei­en „allen­falls mar­gi­nal“, und es habe kei­ne signi­fi­kan­ten Inves­ti­tio­nen in neue EU-Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten gege­ben. Bei vier der zehn meist­ge­brauch­ten Anti­bio­ti­ka gebe es kei­ne euro­päi­schen Wirk­stoff­her­stel­ler und bei Aus­schrei­bun­gen für Krebs­mit­tel habe ledig­lich ein euro­päi­scher Her­stel­ler den Zuschlag erhal­ten.24

Im „Ver­ga­be­trans­for­ma­ti­ons­pa­ket“ der vor­he­ri­gen Bun­des­re­gie­rung war die „wirt­schaft­li­che, sozia­le, öko­lo­gi­sche und inno­va­ti­ve Aus­rich­tung“ der öffent­li­chen Beschaf­fung vor­ge­se­hen.25 Der Ent­wurf eines neu­en „Ver­ga­be­be­schleu­ni­gungs­ge­setz“ sieht zwar eben­falls eine umfas­sen­de Reform des deut­schen Ver­ga­be­rechts vor, ent­hält jedoch kei­ne ver­pflich­ten­den Vor­ga­ben zur öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keit mehr.26

  • Für die Teil­nah­me an För­der­pro­gram­men im Rah­men des Cri­ti­cal Medi­ci­nes Act soll­te eine ange­mes­se­ne Trans­pa­renz hin­sicht­lich der Umwelt­ri­si­ken von Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen gewähr­leis­tet wer­den. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re die Offen­le­gung zen­tra­ler Ergeb­nis­se des Envi­ron­men­tal Risk Assess­ments sowie stan­dar­di­sier­te, regel­mä­ßig aktua­li­sier­te Umwelt­be­rich­te. Die Anfor­de­run­gen dür­fen den zügi­gen Auf­bau resi­li­en­ter Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten in der EU aber nicht unver­hält­nis­mä­ßig ver­zö­gern, wes­halb abge­stuf­te Berichts­pflich­ten oder der Schutz sen­si­bler Betriebs­da­ten berück­sich­tigt wer­den soll­ten.
  • Beim Auf­bau von Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten im Rah­men des Cri­ti­cal Medi­ci­nes Act soll­ten Umwelt- und Kli­ma­kri­te­ri­en sys­te­ma­tisch in För­der- und Aus­wahl­ent­schei­dun­gen ein­be­zo­gen wer­den, um eine nach­hal­ti­ge Wie­der­an­sied­lung der Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on in der EU zu unter­stüt­zen. Gleich­zei­tig ist sicher­zu­stel­len, dass die­se Anfor­de­run­gen wirt­schaft­lich trag­fä­hig blei­ben, etwa durch die Kom­bi­na­ti­on von Min­dest­stan­dards und geziel­ten Anreiz­me­cha­nis­men wie För­de­run­gen oder dif­fe­ren­zier­ten Ver­ga­be­kri­te­ri­en.
  • Die Pro­duk­ti­on inner­halb der EU, des Euro­päi­schen Wirt­schafts­raums sowie Ver­gleichs­staa­ten soll­te bevor­zugt wer­den. Zudem soll­ten – ana­log zum Arz­nei­mit­tel-Lie­fer­eng­pass­be­kämp­fungs- und Ver­sor­gungs­ver­bes­se­rungs­ge­setz – auch die Ver­trags- und Ver­gleichs­staa­ten gesetz­lich zur Ein­hal­tung von Umwelt­an­for­de­run­gen ver­pflich­tet wer­den.
  • Natio­na­le Pro­duk­ti­ons­an­rei­ze (z. B. die im Haus­halt des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit ver­an­schlag­ten Mit­tel) soll­ten ins­be­son­de­re Pro­jek­te för­dern, die neben der Ver­sor­gungs­si­cher­heit kri­ti­scher Arz­nei­mit­tel auch den Aus­bau kli­ma und umwelt­freund­li­cher Pro­duk­ti­ons­stand­or­te in Deutsch­land und der EU unter­stüt­zen, etwa durch erneu­er­ba­re Ener­gien, Kreis­lauf­wirt­schaft oder eine ver­bes­ser­te Abwas­ser­auf­be­rei­tung

3. Anrei­ze für nach­hal­ti­ge­re Pro­duk­ti­on durch erwei­ter­te Zulas­sungs­kri­te­ri­en

Wie bereits erwähnt, ist die ERA Teil des Zulas­sungs­pro­zes­ses für alle Arz­nei­mit­tel. Bei der ERA wird geprüft, wie viel Wirk­stoff über Abwas­ser in Ober­flä­chen­ge­wäs­ser gelangt und wel­che öko­to­xi­ko­lo­gi­schen Wir­kun­gen zu erwar­ten sind. Das UBA führt die fach­li­che Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tung durch, wäh­rend das BfArM die Ergeb­nis­se im Zulas­sungs­ver­fah­ren prüft und gege­be­nen­falls Auf­la­gen erteilt oder Zulas­sun­gen ablehnt.

Seit 2005 sind Umwelt­aspek­te bei der Zulas­sung von Human­arz­nei­mit­teln in Deutsch­land gesetz­lich ver­an­kert. Eine Aus­wer­tung von 113 Zulas­sungs­ver­fah­ren in Deutsch­land zwi­schen 2018 und 2020, für die eine ERA erfor­der­lich war, zeig­te jedoch, dass in nur 51% der Ver­fah­ren zum Zeit­punkt der Zulas­sung tat­säch­lich eine ERA vor­lag. In 22% der übri­gen Fäl­le gab es zwar Ver­ein­ba­run­gen zum Nach­rei­chen der ERA, die­se wur­den jedoch häu­fig nicht umge­setzt.27 Eine Befra­gung von Stake­hol­dern zur Rol­le der ERA im Kon­text der refor­mier­ten EU-Gesetz­ge­bung zeig­te zudem, dass vie­le Zulas­sungs­be­hör­den und Unter­neh­men die ERA vor der Reform auf­grund ihrer feh­len­den Berück­sich­ti­gung in der Nut­zen-Risi­ko-Abwä­gung sowie der hohen Detail­tie­fe der benö­tig­ten Doku­men­te ver­nach­läs­sig­ten.28

Im Jahr 2024 ver­öf­fent­lich­te die EMA die neue EU-Leit­li­nie „Gui­de­line on the envi­ron­men­tal risk assess­ment of medi­cinal pro­ducts for human use.“ In einer ers­ten Pha­se wird die vor­her­ge­sag­te Umwelt­kon­zen­tra­ti­on berech­net. Bei Über­schrei­tung eines Schwel­len­werts folgt eine ver­tief­te zwei­te Pha­se mit zusätz­li­chen Test­da­ten. Die Arz­nei­stof­fe in der Human­me­di­zin, bei denen in den letz­ten Jah­ren ein Risi­ko iden­ti­fi­ziert wur­de, haben zur Hälf­te endo­kri­ne Wirk­wei­sen (z.B. Hor­mo­ne oder neu­ro­en­do­kri­ne Sub­stan­zen).29

Laut dem 2025 ver­ab­schie­de­tem EU-Arz­nei­mit­tel­ge­setz ist die ERA ein ver­pflich­ten­der Teil aller neu­en Arz­nei­mit­tel­zu­las­sun­gen. Sie sieht die Ein­füh­rung eines Mono­gra­phie­Sys­tems vor, in dem ERA-Daten wirk­stoff­be­zo­gen erfasst wer­den, anstatt für jedes Arz­nei­mit­tel mit dem­sel­ben Wirk­stoff eine sepa­ra­te ERA durch­zu­füh­ren. Maß­nah­men zur Risi­ko­min­de­rung bei iden­ti­fi­zier­ten Umwelt­ri­si­ken oder Risi­ken von Anti­bio­ti­ka­re­sis­ten­zen müs­sen umge­setzt wer­den. Bei Hin­wei­sen auf Umwelt­schä­den kann zudem auch für vor 2006 zuge­las­se­ne Arz­nei­mit­tel eine ERA ein­ge­for­dert wer­den.

Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts Köln: Trans­pa­ren­ter Zugang zu Umwelt­ri­si­ko­da­ten von Arz­nei­mit­teln

Die Juris­tin und Umwelt­wis­sen­schaft­le­rin Kim Tep­pe klag­te 2018 vor dem Ver­wal- tungs­ge­richt Köln auf Zugang zu Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tun­gen für meh­re­re Arz­nei­mit­tel, da die­se als Umwelt­in­for­ma­tio­nen im Sin­ne des UIG ein­zu­stu­fen sei­en. Das Gericht ent­schied, dass die voll­stän­di­gen Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tun­gen (inkl. Stu- dien­be­rich­te nach Annex 1, Teil I, Modul 1.6 der RL 2001/83/EG) her­aus­zu­ge­ben sind, auch wenn Her­stel­ler Geschäfts und Betriebs­ge­heim­nis­se sowie Urhe­ber­recht gel­tend mach­ten. Dem Gericht zufol­ge über­wog hier das öffent­li­che Inter­es­se am Umwelt- schutz, sodass das BfArM die Unter­la­gen für die streit­ge­gen­ständ­li­chen Prä­pa­ra­te (u.a. Ibu­profen und Tho­ma­py­rin Prä­pa­ra­te) an die Klä­ge­rin über­mit­teln muss­te. Das Urteil stärkt den Anspruch der Öffent­lich­keit auf Zugang zu Umwelt­da­ten von Arz­nei­mit­teln und ist ein Schritt hin zu einer trans­pa­ren­te­ren, nach­hal­ti­ge­ren Arz­nei- mit­tel­ge­setz­ge­bung. Es wird zudem als Impuls für ein zukünf­ti­ges, EU-wei­tes Mono­gra- phie­sys­tem dis­ku­tiert, das Umwelt­be­las­tun­gen phar­ma­zeu­ti­scher Wirk­stof­fe sys­te­ma- tisch erfasst und regu­liert.

Das UBA ist in Deutsch­land für die Prü­fung der Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tun­gen von Arz­nei­mit­teln zustän­dig. Die­se müs­sen bei Anfra­gen nach dem Umwelt­in­for­ma­ti­ons­ge­set­zes (UIG) her­aus­ge­ge­ben wer­den – nicht zuletzt auf­grund eines Urteils des Ver­wal­tungs­ge­richts Köln im Jahr 2018.

Die Erfah­run­gen aus der Zulas­sung von Tier­arz­nei­mit­teln, bei denen die ERA bereits seit 2004 in die Nut­zen-Risi­ko-Bewer­tung ein­fließt, zei­gen, dass eine Ver­wei­ge­rung oder ein Ent­zug der Zulas­sung auf­grund von Umwelt­ri­si­ken sel­ten erfolgt.30 Erstre­bens­wert ist viel­mehr, dass durch die stär­ke­re Gewich­tung der ERA Her­stel­ler einen Anreiz haben, Umwelt­ri­si­ken bereits in der Ent­wick­lung neu­er Arz­nei­mit­tel mög­lichst zu redu­zie­ren.

  • Auf Basis der Ergeb­nis­se der Umwelt­ri­si­ko­be­wer­tung (ERA) soll­ten von Her­stel­lern Maß­nah­men zur Risi­ko­min­de­rung getrof­fen und die­se vom Umwelt­bun­des­amt (UBA) über­prüft wer­den. Dazu zäh­len
    etwa Anfor­de­run­gen an eine ver­bes­ser­te Abwas­ser­be­hand­lung in der Pro­duk­ti­on, geziel­te Moni­to­ring­pflich­ten, Hin­wei­se in der Fach­in­for­ma­ti­on sowie – wo mög­lich – die För­de­rung umwelt­ver­träg­li­che­rer Alter­na­ti­ven.
  • Die im Urteil des Köl­ner Ver­wal­tungs­ge­richts gefor­der­te Trans­pa­renz bei
    der ERA soll­te sys­te­ma­tisch umge­setzt wer­den, etwa durch den im Gesetz vor­ge­se­he­nen Auf­bau eines Regis­ters mit Umwelt­in­for­ma­tio­nen. Dabei könn­ten natio­na­le Behör­den wie das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te (BfArM) sowie euro­päi­sche Insti­tu­tio­nen auf bestehen­de Initia­ti­ven und Platt­for­men, bspw. im Rah­men des PRE­MIER-Pro­jekts, auf­bau­en. Bei der Ver­öf­fent­li­chung
    von Daten soll­te sicher­ge­stellt wer­den, dass rele­van­te Umwelt­in­for­ma­tio­nen zugäng­lich sind, wäh­rend Geschäfts- und Betriebs­ge­heim­nis­se, geis­ti­ges Eigen­tum und per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten geschützt blei­ben.
  • Die Bun­des­re­gie­rung soll­te das Urteil des Köl­ner Ver­wal­tungs­ge­richts als poli­ti­schen Impuls nut­zen, um sich auf EU-Ebe­ne für den Auf­bau eines har­mo­ni­sier­ten Mono­gra­phie­sys­tems zu den Umwelt­wir­kun­gen phar­ma­zeu­ti­scher Wirk­stof­fe ein­zu­set­zen. Ein sol­ches Sys­tem könn­te die ERA-Daten, rele­van­te Umwelt­kon­zen­tra­tio­nen, Risi­ko­be­wer­tun­gen sowie geeig­ne­te Risi­ko­min­de­rungs­maß­nah­men zen­tral bün­deln und stan­dar­di­siert zugäng­lich machen. Per­spek­ti­visch soll­ten dabei neben dem Wirk­stoff auch die ein­ge­setz­te Kon­zen­tra­ti­on sowie die Appli­ka­ti­ons­rou­te (oral/ topisch/ venös) berück­sich­tigt wer­den.
  • Der Arz­nei­mit­tel­in­dex Umwelt, den das UBA mit dem Eco­lo­gic Insti­tu­te ent­wi­ckelt und der ein phar­ma­zeu­ti­sches Umwelt­in­for­ma­ti­ons- und ‑klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­tem dar­stel­len wird, kann die Umwelt­da­ten für medi­zi­ni­sche und phar­ma­zeu­ti­sche Fach­leu­te zugäng­lich und ver­ständ­lich
    dar­stel­len.

Das PREMIER — Pro­jekt

Das euro­päi­sche PREMIER-Pro­jekt ent­wi­ckelt ein neu­es Infor­ma­ti­ons- und Bewer­tungs- sys­tem, das Umwelt­ri­si­ken von Arz­nei­mit­teln – ins­be­son­de­re bei begrenz­ter Daten­la­ge – früh­zei­tig erkennt und adres­siert. Das Pro­jekt wird im Rah­men der Initia­ti­ve „Inno- vati­ve Medi­ci­nes“ umge­setzt und bringt Phar­ma­un­ter­neh­men, Regu­lie­rungs­be­hör­den, Umwelt­or­ga­ni­sa­tio­nen und For­schen­de zusam­men. Ein zen­tra­les Ziel ist die frü­he­re Inte­gra­ti­on von Umwelt­aspek­ten in den Ent­wick­lungs­pro­zess von Arz­nei­mit­teln, um die Phar­ma­bran­che stär­ker in Rich­tung nach­hal­ti­ge­rer Pro­duk­te zu len­ken. Durch die Bereit­stel­lung von Daten, Tools und inno­va­ti­ven Model­len soll nicht nur die Umwelt­be­las­tung redu­ziert, son­dern auch der Bedarf an Tier­ver­su­chen ver­rin­gert wer­den. Das Pro­jekt erar­bei­tet ein Rah­men­werk zur risi­ko­ba­sier­ten Prio­ri­sie­rung der Umwelt­be­wer­tung bestehen­der Arz­nei­mit­tel. Zur Vali­die­rung die­ses Rah­men­werks wer­den Umwelt­da­ten für bis zu 25 bestehen­de Arz­nei­mit­tel erho­ben, die ein beson­de- res Umwelt­ri­si­ko ber­gen. Ein zen­tra­les Ergeb­nis des Pro­jekts ist der Auf­bau einer evi­denz­ba­sier­ten, transpa­ren- ten und öffent­lich zugäng­li­chen Daten­bank, die phy­si­ka­lisch-che­mi­sche und öko­to­xi­ko- logi­sche Eigen­schaf­ten sowie rele­van­te Meta­da­ten von Human­arz­nei­mit­teln zusam- men­führt. Dar­über hin­aus ent­steht ein neu­es Infor­ma­ti­ons- und Bewer­tungs­sys­tem, das Regu­lie­rungs­be­hör­den, Was­ser­ma­na­gerinnen und ande­re Akteurinnen dabei unter­stützt, poten­zi­el­le Umwelt­ri­si­ken durch die Anwen­dung von Arz­nei­mit­teln zu erken­nen und zu steu­ern. Abschlie­ßend wer­den pra­xis­na­he Leit­li­ni­en für Stake­hol­der ent­wi­ckelt, die die Nut­zung der PRE­MIER-Daten, ‑Werk­zeu­ge und ‑Bewer­tungs­sys­te­me im All­tag erleich­tern.

4. Inte­gra­ti­on von Nach­hal­tig­keits­kri­te­ri­en in Arz­nei­mit­tel­ra­batt­ver­trä­ge
und Aus­schrei­bun­gen der Kran­ken­kas­sen

Ein im deut­schen Kon­text bereits genutz­ter Hebel für mehr Nach­hal­tig­keit im Arzneimittelwesen31 mit ers­ten erfolg­rei­chen Bei­spie­len ist die Inte­gra­ti­on von Umwelt- und Nach­hal­tig­keits­kri­te­ri­en in Rabatt­ver­trä­gen und Aus­schrei­bun­gen für rezept­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel der Kran­ken­kas­sen.

Bei Anti­bio­ti­ka­aus­schrei­bun­gen ver­gibt die AOK-Gemein­schaft seit 2020 Boni für Her­stel­ler, die sich dazu ver­pflich­ten, ver­ein­bar­te Schwel­len­wer­te im Abwas­ser ein­zu­hal­ten. Dies wird wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit durch ein von der AOK Baden-Würt­tem­berg beauf­trag­tes Insti­tut, das vor Ort Abwas­ser­pro­ben ent­nimmt, über­prüft. Die­se wer­den in deut­schen Labo­ren ana­ly­siert und im Fal­le von Schwel­len­wert­über­schrei­tun­gen hat der Her­stel­ler die ver­ur­sa­chen­den Pro­ble­me zu iden­ti­fi­zie­ren und zu behe­ben. Auch das wird von der AOK vor Ort nach­ge­hal­ten und durch erneu­te Pro­ben geprüft. Ziel ist ins­be­son­de­re, die Ent­ste­hung anti­mi­kro­biel­ler Resis­ten­zen ein­zu­däm­men.32

Die GWQ Ser­vice­Plus AG hat in zwei Gene­ri­ka-Aus­schrei­bun­gen für 35 Betriebs- und Innungs­kran­ken­kas­sen Nach­hal­tig­keits­kri­te­ri­en inte­griert. Vor­aus­set­zung für die Teil­nah­me an den Aus­schrei­bun­gen war das Vor­lie­gen eines EMAS (Eco-Manage­ment und Audit Sche­me), eines ISO 14001 oder eines äqui­va­len­ten Umwelt­zer­ti­fi­kats beim Bie­ten­den oder Wirk­stoff­her­stel­ler.33 Die­ses Vor­ge­hen folgt den in § 49 der Ver­ga­be­ver­ord­nung gere­gel­ten Eig­nungs­kri­te­ri­en für Umwelt­an­for­de­run­gen in Aus­schrei­bun­gen.

Neben den Eig­nungs­kri­te­ri­en wird bei der Ver­ga­be von Arz­nei­mit­tel­ra­batt­ver­trä­gen auch nach Zuschlags­kri­te­ri­en ent­schie­den. Bei Letz­te­ren steht der­zeit der ange­bo­te­ne Preis bzw. der gewähr­te Rabatt im Fokus. Zusätz­lich wäre jedoch auch die Berück­sich­ti­gung von Umwelt­an­for­de­run­gen im Rah­men der Zuschlags­kri­te­ri­en mög­lich, wodurch per­spek­ti­visch auch höher­prei­si­ge Anbieter*innen den Zuschlag erhal­ten könn­ten, sofern sie beson­ders umfas­sen­de oder rele­van­te Umwelt­stan­dards erfül­len. Aller­dings ist es für die Kran­ken­kas­sen der­zeit noch schwie­rig, die Erfül­lung sol­cher Umwelt­an­for­de­run­gen zuver­läs­sig nach­zu­voll­zie­hen.

Vor­tei­le und Gren­zen von Zer­ti­fi­zie­run­gen

Die eta­blier­ten Nach­hal­tig­keits­zer­ti­fi­zie­run­gen EMAS und ISO 14001 bie­ten grund­sätz­lich ver­gleich­ba­re, inter­na­tio­nal aner­kann­te Kri­te­ri­en zur Bewer­tung öko­lo­gi­scher Nach­hal­tig­keit in der Pro­duk­ti­on. Zer­ti­fi­zier­te Pro­duk­ti­ons­stand­or­te und frei­wil­li­ge Initia­ti­ven – etwa im Rah­men der „AMR Indus­try Alli­ance“ oder der „Sci­ence Based Tar­gets“ Initia­ti­ve – zei­gen, dass Tei­le des Sek­tors die­se Kri­te­ri­en bereits inte­griert haben. Eine aus­schließ­li­che Ver­knüp­fung von Ver­trags­zu­schlä­gen mit ein­zel­nen Zer­ti­fi­zie­run­gen wie EMAS wird jedoch kri­tisch dis­ku­tiert, da sie klei­ne­re oder inter­na­tio­na­le Her­stel­ler benach­tei­li­gen und poten­zi­ell zu Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen füh­ren könn­ten.

Zudem kön­nen Pro­duk­ti­ons­stand­or­te in der EU bei Ver­glei­chen der Kli­ma­bi­lanz teil­wei­se schlech­ter abschnei­den als außer­eu­ro­päi­sche Pro­duk­ti­ons­stät­ten, da Umwelt- und Emis­si­ons­be­rich­te in der EU häu­fig stren­ge­ren Trans­pa­renz- und Berichts­pflich­ten unter­lie­gen. In Regio­nen mit weni­ger Berichts­pflich­ten wer­den Emis­sio­nen dage­gen oft weni­ger sys­te­ma­tisch erfasst wer­den, was die Ver­gleich­bar­keit der CO₂-Bilan­zen erschwert.

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint ein dif­fe­ren­zier­ter Ansatz sinn­voll, der bestehen­de Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­te­me aner­kennt, aber zugleich auf eine brei­te­re, inter­na­tio­nal anschluss­fä­hi­ge und wett­be­werbs­neu­tra­le Inte­gra­ti­on von Umwelt­kri­te­ri­en in Beschaf­fungs- und För­der­me­cha­nis­men abzielt.

Recht­li­che und poli­ti­sche Mög­lich­kei­ten

Die gesetz­li­che Grund­la­ge für Neben­be­stim­mun­gen in Rabatt­ver­trä­gen (§ 130a SGB V) ermög­licht es Kran­ken­kas­sen, qua­li­ta­ti­ve umwelt­be­zo­ge­ne Kri­te­ri­en als Bonus­fak­to­ren zu inte­grie­ren, sofern die­se mit dem Ver­ga­be­recht ver­ein­bar sind.

Auf EU-Ebe­ne kön­nen Har­mo­ni­sie­run­gen von Nach­hal­tig­keits- und Umwelt­stan­dards für die Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on (bspw. in den GMP-Regu­la­ri­en oder Umwelt­zer­ti­fi­zie­rungs­sys­te­men) dazu bei­tra­gen, gleich­wer­ti­ge Wett­be­werbs­be­din­gun­gen zwi­schen EU- und Dritt­staa­ten zu schaf­fen und die Trans­pa­renz von Zer­ti­fi­ka­ten zu erhö­hen. Ins­ge­samt bie­tet die Ver­knüp­fung von Bonus­punk­ten für Umwelt-/Nach­hal­tig­keits­zer­ti­fi­ka­te in Rabatt­ver­trä­gen ein wirk­sa­mes Instru­ment, um Nach­hal­tig­keit im Arz­nei­mit­tel­we­sen vor­an­zu­trei­ben – vor­aus­ge­setzt, die Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­ble­ma­tik wird recht­lich adres­siert und die Aus­wahl der Zer­ti­fi­ka­te trans­pa­rent und wett­be­werbs­neu­tral gestal­tet.

  • Die Ent­wick­lung eines klar defi­nier­ten Kri­te­ri­en­ka­ta­logs für geeig­ne­te Umwelt­und Nach­hal­tig­keits­zer­ti­fi­ka­te, der EMAS, ISO 14001 sowie wei­te­re rele­van­te Stan­dards (z. B. ESG-Kri­te­ri­en, Kli­ma- oder Abwas­ser­zer­ti­fi­ka­te) berück­sich­tigt, könn­te die Inte­gra­ti­on und Nach­weis­bar­keit von Umwelt­an­for­de­run­gen erleich­tern. Dabei soll­te jedoch kei­ne ein­zel­ne Zer­ti­fi­zie­rung zum allei­ni­gen Zugangs­kri­te­ri­um wer­den.
  • Die Ein­be­zie­hung von Umwelt­an­for­de­run­gen – oder ande­rer Aspek­te wie z. B. eine bes­se­re Ver­füg­bar­keit oder sta­bi­le­re Lie­fer­ket­ten – in Zuschlags­kri­te­ri­en soll­te geprüft wer­den. Eine sol­che Erwei­te­rung der Zuschlags­kri­te­ri­en kann den Pro­zess auf­wen­di­ger machen und in Ein­zel­fäl­len
    zu höhe­ren Prei­sen füh­ren, wes­halb eine sorg­fäl­ti­ge Abwä­gung mit den rele­van­ten Akteur*innen erfor­der­lich ist.
  • Zusätz­lich kön­nen Bonus­mo­del­le – wie etwa bei den Anti­bio­ti­ka-Aus­schrei­bun­gen der AOK – ein­ge­setzt wer­den, die sowohl Zer­ti­fi­ka­te als auch kon­kre­te Umwelt­leis­tun­gen (z. B. Ein­hal­tung von Abwas­ser­grenz­wer­ten, Treib­haus­gas­re­duk­ti­on oder Recy­cling­quo­ten) berück­sich­ti­gen.
  • Zudem soll­te die poli­ti­sche För­de­rung einer EU-wei­ten Har­mo­ni­sie­rung von Umwelt- und Nach­hal­tig­keits­stan­dards für die Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on ange­strebt wer­den, um Wett­be­werbs­nach­tei­le für EU-Stand­or­te zu ver­mei­den und gleich­zei­tig Ver­sor­gungs­si­cher­heit und Umwelt­schutz zu stär­ken.

5. Ver­bes­se­rung der Infor­ma­ti­on zu
Umwelt­ri­si­ken nicht ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel

Rezept­freie Arz­nei­mit­tel (Over-the-Coun­ter, OTC) stel­len einen bedeu­ten­den Anteil des Arz­nei­mit­tel­ver­brauchs dar und mach­ten im Jahr 2023 – je nach Abgren­zung des Apo­the­ken­mark­tes – rund 53,5 % der abge­ge­be­nen Packun­gen aus.34

Dem­ge­gen­über unter­lie­gen ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel (Rx) den Rege­lun­gen des § 48 des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes (AMG). Die­ser sieht eine Ver­schrei­bungs­pflicht ins­be­son­de­re für Stof­fe vor, „die die Gesund­heit des Men­schen auch bei bestim­mungs­ge­mä­ßem Gebrauch gefähr­den kön­nen, wenn sie ohne (zahn-)ärztliche Über­wa­chung ange­wen­det wer­den, oder die in erheb­li­chem Umfang nicht bestim­mungs­ge­mäß gebraucht wer­den.“35 Ein Wech­sel von der Ver­schrei­bungs­pflicht zur Rezept­frei­heit (Rx-to-OTC-Switch) kann von Her­stel­lern, Behör­den oder auch Pri­vat­per­so­nen beim BfArM bean­tragt wer­den. Der zustän­di­ge Sach­ver­stän­di­gen­aus­schuss gibt hier­zu eine Emp­feh­lung ab, auf deren Grund­la­ge das BMG ent­schei­det.

Im Unter­schied zu ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln dür­fen rezept­freie Arz­nei­mit­tel nach dem Heil­mit­tel­wer­be­ge­setz bewor­ben wer­den. Für OTC-Wer­bung gel­ten dabei die­sel­ben Irre­füh­rungs­ver­bo­te wie für ande­re Pro­duk­te. Zur Bekämp­fung von Green­wa­shing wur­de das Gesetz gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb (UWG) wei­ter­ent­wi­ckelt.36 Die jüngs­te Reform ent­hält erst­mals kla­re­re Vor­ga­ben zu Umwelt­aus­sa­gen und Nach­hal­tig­keits­sie­geln und bezieht öko­lo­gi­sche Pro­duk­tei­gen­schaf­ten expli­zit in die Irre­füh­rungs­tat­be­stän­de ein. All­ge­mei­ne Umwelt­claims wie „umwelt­freund­lich“ oder „kli­ma­neu­tral“ gel­ten dem­nach als unlau­ter, wenn sie nicht auf einer nach­weis­ba­ren, aner­kann­ten Umwelt­leis­tung beru­hen, sich irre­füh­rend auf das gesam­te Pro­dukt oder die gesam­te Geschäfts­tä­tig­keit bezie­hen oder maß­geb­lich auf der blo­ßen Kom­pen­sa­ti­on von Treib­haus­gas­emis­sio­nen basie­ren. Zudem dür­fen Nach­hal­tig­keits­sie­gel nur ver­wen­det wer­den, wenn ein ech­tes Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­tem oder eine staat­li­che Rege­lung dahin­ter­steht.

Topi­sche nicht-ste­ro­ida­le Anti­rheu­ma­ti­ka (NSAR) am Bei­spiel Diclo­fe­nac

Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel in der Debat­te um umwelt­re­le­van­te Wirk­stof­fe ist Diclo­fe­nac, ein NSAR, das zur Behand­lung leich­ter bis mitt­le­rer Schmer­zen sowie Ent­zün­dun­gen ein­ge­setzt wird. Laut UBA wur­den im Jahr 2021 in Deutsch­land rund 51 Ton­nen Diclo­fe­nac in Form rezept­frei­er Cremes und Gele – also zur „topi­schen“ Anwen­dung – ver­braucht. Inner­halb von zehn Jah­ren hat sich die­ser Ver­brauch etwa ver­dop­pelt, wäh­rend der Ein­satz ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger ora­ler und par­en­te­r­aler Prä­pa­ra­te zurück­ging.37

Die­se Ent­wick­lung ist aus Umwelt­per­spek­ti­ve rele­vant, da topisch ange­wen­de­tes Diclo­fe­nac in grö­ße­ren Antei­len direkt in das Abwas­ser ein­ge­tra­gen wer­den kann. Gleich­zei­tig ist zu berück­sich­ti­gen, dass auch nach ora­ler Anwen­dung sowohl Wirk­stof­fe als auch Meta­boli­te über die Aus­schei­dung in die Umwelt gelan­gen, deren Umwelt­wir­kun­gen bis­lang nur teil­wei­se bekannt sind. Unter­schied­li­che Anwen­dungs­for­men kön­nen somit zu unter­schied­li­chen Ein­trags­pfa­den in die Umwelt füh­ren, die im Rah­men von Risi­ko­be­wer­tun­gen und Regu­lie­rungs­an­sät­zen dif­fe­ren­ziert berück­sich­tigt wer­den soll­ten.

Zusätz­lich kön­nen Kauf­an­rei­ze für rezept­freie Prä­pa­ra­te durch Wer­bung sowie durch Ange­bo­te von Vor-Ort- und Ver­sand­apo­the­ken ver­stärkt wer­den. Aktu­ell darf topi­sches Diclo­fe­nac in Apo­the­ken nur noch in der Sicht­wahl, nicht mehr in der Frei­wahl (also in für Kund*innen frei zugäng­li­chen Berei­chen) ange­bo­ten wer­den. In der Her­stel­ler­wer­bung wird teil­wei­se auch die Anwen­dung etwa bei Rücken­schmer­zen ange­regt, obwohl eine über den Pla­ce­bo­ef­fekt hin­aus­ge­hen­de (mode­ra­te) Wir­kung ledig­lich bei Arthro­se­schmer­zen ein­deu­tig nach­ge­wie­sen ist.38

Stu­di­en zei­gen zudem, dass Diclo­fe­nac Fische, Kreb­se und Vögel schä­di­gen kann. In Indi­en führ­te bspw. die vete­ri­när­me­di­zi­ni­sche Anwen­dung soge­nann­ter Nutz­tie­re zu einem Mas­sen­ster­ben von Gei­ern, da die­se die Kada­ver der mit Diclo­fe­nac behan­del­ten Tie­ren fra­ßen.39 Auch in Deutschlang lie­gen die Diclo­fe­nac Kon­zen­tra­tio­nen im vie­len Flüs­sen in einem Bereich, der als öko­lo­gisch bedenk­lich gilt, ins­be­son­de­re in Gewäs­sern mit hohem Anteil an Klär­an­la­gen­ab­lauf.40 Die vor­ge­schla­ge­ne Umwelt­qua­li­täts­norm (Envi­ron­man­t­al Qua­li­ty Stan­dard, EQS) für Diclo­fe­nac liegt bei etwa 0,04–0,05 µg/L.41 Vie­le deut­sche Mess­stel­len über­schrei­ten die­sen Wert deut­lich. Durch einen ver­pflich­ten­den Hin­weis für Patient*innen, Cremes oder Gele mit Diclo­fe­nac sowie ande­ren Wirk­stof­fen (z. B. Hor­mo­nen) nach der Anwen­dung abzu­wi­schen, statt sie abzu­wa­schen, kann der Ein­trag in die aqua­ti­sche Umwelt redu­ziert wer­den. Gleich­zei­tig soll­te von sei­ner Ver­wen­dung bei nicht indi­zier­ten Sym­pto­men abge­ra­ten wer­den.

Wis­sen und Fach­kom­pe­tenz von Gesund­heits­fach­kräf­ten stär­ken

Nach­hal­tig­keit und pla­ne­ta­re Gesund­heit soll­ten sys­te­ma­tisch in die Aus­bil­dung von Gesund­heits­fach­kräf­ten inte­griert wer­den. Ziel ist es zum einen, sie auf die gesund­heit- lichen Fol­gen der öko­lo­gi­schen Kri­sen vor­zu­be­rei­ten und eine ange­mes­se­ne Ver­sor- gung der Pati­en­tin­nen zu gewähr­leis­ten. Zum ande­ren soll­ten Fach­kräf­te über die Kli­ma- und Umwelt­wir­kung von Behand­lun­gen – ein­schließ­lich der von Arz­nei­mit­teln, deren Ver­wen­dung und Ent­sor­gung – auf­ge­klärt wer­den.

Auf uni­ver­si­tä­rer Ebe­ne bie­ten die neu­en der­zeit noch aus­ste­hen­den Novel­lie­run­gen der Appro­ba­ti­ons­ord­nun­gen für Phar­ma­zeu­tin­nen und Medi­zi­ne­rin­nen eine gute Mög­lich­keit, Nach­hal­tig­keit sys­te­ma­tisch in die Aus­bil­dung zu inte­grie­ren. Nach­hal­tig- keits­aspek­te und Wis­sen über pla­ne­ta­re Gesund­heit soll­ten dabei als Basis­kom­pe­tenz ver­an­kert und in unter­schied­li­che Fach­ge­bie­te auf­ge­nom­men wer­den.69

Im Phar­ma­zie­stu­di­um bedeu­tet dies ins­be­son­de­re, den gesam­ten Lebens­zy­klus eines Medi­ka­men­tes zu betrach­ten, um deren Umwelt­aus­wir­kun­gen ganz­heit­lich bewer­ten und gege­be­nen­falls beein­flus­sen zu kön­nen. Im Medi­zin­stu­di­um erscheint eine Integ- rati­on des The­mas in den kli­ni­schen Teil des Stu­di­ums sinn­voll.70

Für ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel lie­gen bis­lang nur in Ein­zel­fäl­len gut auf- berei­te­te Infor­ma­tio­nen über Umwelt- oder Kli­ma­aus­wir­kun­gen bei ver­gleich­ba­ren Alter­na­ti­ven vor. Der Umwelt­in­dex Arz­nei­mit­tel des UBA soll hier künf­tig Abhil­fe schaf­fen, indem ent­spre­chen­de Infor­ma­tio­nen in einem Klas­si­fi­ka­ti­ons- und Infor­ma- tions­sys­tem für Ärz­tin­nen und Pharmazeut*innen zugäng­lich gemacht wer­den. Für Inha­la­ti­va exis­tiert bereits eine S2- Leit­li­nie, die dar­stellt, wann unter wel­chen medi- zini­schen Vor­aus­set­zun­gen aus medi­zi­ni­scher Sicht die deut­lich kli­ma­freund­li­che­ren Pul­ver­in­ha­la­to­ren den Dosier­ae­ro­so­len vor­ge­zo­gen wer­den kön­nen.71

Auch in der Leh­re von Aus­bil­dungs­be­ru­fen im Gesund­heits­be­reich ist eine grund­le- gen­de Inte­gra­ti­on von pla­ne­ta­rer Gesund­heit und Nach­hal­tig­keit von zen­tra­ler Bedeu- tung. Die Aus­bil­dun­gen sind jedoch viel­fäl­tig und sehr hete­ro­gen orga­ni­siert, sodass kei­ne zen­tra­le Instanz für eine ein­heit­li­che Neu­auf­la­ge der Inhal­te besteht.72 Eine poli- tische Aus­rich­tung des Gesund­heits­sys­tems in Rich­tung Nach­hal­tig­keit, ver­bun­den mit ent­spre­chen­den För­de­run­gen für nied­rig­schwel­li­ge und pra­xis­na­he Wei­ter-/ Fort­bil- dungs­pro­gram­me für alle Gesund­heits­fach­be­ru­fe, könn­te die Kom­pe­tenz­er­wei­te­rung wie auch die Trans­for­ma­ti­on des Sek­tors deut­lich vor­an­trei­ben.

Diclo­fe­nac ist ein Kan­di­dat für die EU-Lis­te der „prio­ri­tä­ren Stof­fe“ nach der Was­ser­rah­men­richt­li­nie. Fach­lich lie­gen bereits Vor­schlä­ge für Grenz­wer­te im Was­ser vor, unter ande­rem im Rah­men der Richt­li­nie über Umwelt­qua­li­täts­nor­men für Schad­stof­fe in Ober­flä­chen­ge­wäs­sern (Richt­li­nie 2008/105/EG, geän­dert durch Richt­li­nie 2013/39/EU). Im Zuge der Über­ar­bei­tung, die noch 2026 abge­schlos­sen und im Amts­blatt ver­öf­fent­licht wer­den soll, wird Diclo­fe­nac in die Prio­ri­tä­ten­lis­te auf­ge­nom­men und damit EU-weit als beson­ders was­ser­re­le­van­ter Schad­stoff ein­ge­stuft.42

Eine Auf­nah­me von Diclo­fe­nac in die Prio­ri­tä­ten­lis­te der EU-Was­ser­rah­men­richt­li­nie könn­te den umwelt­po­li­ti­schen Regu­lie­rungs­druck erhö­hen und die Sicht­bar­keit sei­ner öko­to­xi­ko­lo­gi­schen Risi­ken stär­ken. Dies könn­te auch die Dis­kus­si­on über regu­la­to­ri­sche Maß­nah­men im Arz­nei­mit­tel­be­reich beein­flus­sen.

Durch das neue EU-Phar­ma­ge­setz bestehen zudem erwei­ter­te Mög­lich­kei­ten, Zulas­sun­gen nach­träg­lich anzu­pas­sen, wenn Umwelt­ri­si­ken nicht aus­rei­chend adres­siert wer­den. Vor­ge­se­hen sind ins­be­son­de­re Maß­nah­men zur Risi­ko­min­de­rung, etwa durch Anwen­dungs­hin­wei­se oder wei­te­re regu­la­to­ri­sche Auf­la­gen, bis hin zu einer Neu­be­wer­tung der Ver­schrei­bungs­pflicht. Eine sol­che Neu­be­wer­tung soll­te jedoch unter Berück­sich­ti­gung poten­zi­el­ler Sys­tem­ef­fek­te erfol­gen. Dazu zäh­len mög­li­che Aus­weich­re­ak­tio­nen auf ande­re Wirk­stof­fe, Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heits­ver­sor­gung sowie öko­no­mi­sche Fol­ge­kos­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Ver­schrei­bungs­pflicht nicht als iso­lier­te Lösung zu ver­ste­hen, son­dern viel­mehr als ein mög­li­ches Instru­ment inner­halb eines brei­te­ren Maß­nah­men­mi­xes zur Reduk­ti­on von Umwelt­ein­trä­gen durch Arz­nei­mit­tel.

Emp­feh­lun­gen

  • Nach Inkraft­tre­ten der Reform des Geset­zes gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb
    (UWG) soll­te geprüft wer­den, inwie­weit bestehen­de Vor­ga­ben zu Umwelt­aus­sa­gen für rezept­freie Arz­nei­mit­tel (Over­the-Coun­ter, OTC) kon­kre­ti­siert wer­den kön­nen. Ent­spre­chen­de Leit­li­ni­en könn­ten Her­stel­lern und Auf­sichts­be­hör­den Ori­en­tie­rung bie­ten, wie Umwelt­anga­ben rechts­si­cher und fach­lich fun­diert gestal­tet wer­den kön­nen (z. B. bei Aus­sa­gen zu CO₂-Fuß­ab­druck oder Umwelt­wir­kun­gen
    von For­mu­lie­run­gen), ohne zusätz­li­che regu­la­to­ri­sche Anfor­de­run­gen zu schaf­fen.
  • In der Arz­nei­mit­tel­ver­schrei­bungs­ver­ord­nung (AMVV) soll­te gere­gelt wer­den, dass bei Ent­schei­dun­gen zur Ver­kaufs­ab­gren­zung zukünf­tig auch Umwelt­aus­wir­kun­gen berück­sich­tigt wer­den. In das bewer­ten­de Gre­mi­um soll­te zudem eine Umwelt­ex­pertin auf­ge­nom­men wer­den.
  • OTC-Wer­bung für umwelt­kri­ti­sche Wirk­stof­fe soll­te an zusätz­li­che Infor­ma­ti­ons­pflich­ten gekop­pelt wer­den (z. B. Hin­wei­se wie „wischen statt waschen“ bei topi­schen Arz­nei­mit­teln). Um den unnö­ti­gen bzw. nicht indi­zier­ten OTC-Ver­brauch und die damit ver­bun­de­ne Res­sour­cen­be­las­tung zu redu­zie­ren, soll­te OTC-Wer­bung aus­schließ­lich für evi­denz­ba­sier­te Anwen­dun­gen erlaubt sein.
  • Der Auf­bau des „Arz­nei­mit­tel­in­dex Umwelt“ als Infor­ma­ti­ons­sys­tem zur Kenn­zeich­nung umwelt­kri­ti­scher Wirk­stof­fe in Apo­the­ken­sys­te­men ist ins­be­son­de­re für den OTC-Bereich rele­vant. Die­ser wür­de die Bera­tung von Apo­the­kerinnen und phar­ma­zeu­tisch-tech­ni­schen Assis­tentinnen zur sach­ge­rech­ten Ent­sor­gung von Arz­nei­mit­teln um geziel­te Hin­wei­se zu umwelt­freund­li­che­ren Alter­na­ti­ven (ein­schließ­lich nicht­me­di­ka­men­tö­ser Optio­nen, sofern ver­füg­bar) ergän­zen.
  • Für Wirk­stof­fe, die als prio­ri­tä­re Stof­fe im Was­ser­recht ein­ge­stuft wer­den oder deren Schwel­len­wer­te für Schad­stof­fe in Ober­flä­chen­ge­wäs­sern sys­te­ma­tisch über schrit­ten wer­den, soll­te das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te (BfArM) den OTC-Sta­tus regel­mä­ßig über­prü­fen. Dies umfasst auch die Prü­fung der Opti­on, topi­sche Prä­pa­ra­te wie­der der Ver­schrei­bungs­pflicht zu unter­stel­len. Dabei soll­te auch bewer­tet wer­den, ob bestehen­de Risi­ko­min­de­rungs­maß­nah­men aus­rei­chend sind oder ob wei­ter­ge­hen­de regu­la­to­ri­sche Anpas­sun­gen (ein­schließ­lich der Neu­be­wer­tung der Ver­schrei­bungs­pflicht) erfor­der­lich sind.
Physische Ansicht Schweden

Die schwe­di­sche Behör­de für Mee­res- und Was­ser­wirt­schaft hat ent­schie­den, dass Dic- lofe­nac, Est­ra­di­ol, Ethi­nyl­est­radi­ol und Cipro­flo­xa­cin als fluss­spe­zi­fi­sche Schad­stof­fe zu betrach­ten sind. Damit ist Schwe­den das ers­te Land, wel­ches Bewer­tungs­kri­te­ri­en für die­se Stof­fe ein­ge­führt hat. Jedoch sind Behör­den oder ande­re Stel­len nicht ver- pflich­tet, sys­te­ma­ti­sche Mes­sun­gen die­ser Stof­fe in Gewäs­sern durch­zu­füh­ren und bei einer Über­schrei­tung der Grenz­wer­te sind kei­ne Sank­tio­nen vor­ge­se­hen. Ein Jah­res- durch­schnitt oder eine maxi­ma­le Kon­zen­tra­ti­on unter­halb der fest­ge­leg­ten Schwel­len- wer­te gilt dabei als „guter öko­lo­gi­scher Zustand“. Par­al­lel dazu wur­den auch im Arz­nei­mit­tel­be­reich Maß­nah­men ergrif­fen: Ora­les Diclo­fe­nac ist in Schwe­den seit 2020 ver­schrei­bungs­pflich­tig. Für topi­sche, wei­ter­hin rezept­freie Prä­pa­ra­te wur­de die Abga­be zusätz­lich ein­ge­schränkt. Die­se Pro­duk­te sind – wie in Deutsch­land – nicht mehr frei zugäng­lich oder in der Sicht­wahl erhält- lich, son­dern wer­den gezielt durch Apo­the­ken­per­so­nal abge­ge­ben. Zudem müs­sen Patient*innen – anders als in Deutsch­land – über Umwelt­ri­si­ken und eine sach­ge­rech­te Anwen­dung und Ent­sor­gung infor­miert wer­den. Die­se Rege­lung gilt auch für den Ver- sand­han­del. Das Bei­spiel Schwe­den zeigt, wie regu­la­to­ri­sche Ansät­ze im Umwelt- und Arz­nei­mit- tel­be­reich kom­bi­niert wer­den kön­nen, um Auf­klä­rung und Risi­ko­min­de­rung stär­ker mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen.

6. Nut­zung von Effi­zi­enz­po­ten­zia­len in Logis­tik und Ver­trieb

Die Logis­tik und der Ver­trieb von Arz­nei­mit­teln in Deutsch­land sind durch § 52b des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes (AMG) geprägt, der eine flä­chen­de­cken­de und zeit­na­he Ver­sor­gung sicher­stel­len soll. In der Pra­xis erfolgt die Belie­fe­rung von Apo­the­ken durch voll­ver­sor­gen­de Groß­händ­ler mehr­mals täg­lich, um eine hohe Ver­füg­bar­keit bei gleich­zei­tig begrenz­ten Lager­ka­pa­zi­tä­ten der Apo­the­ken zu gewähr­leis­ten.

Die­ses Sys­tem ermög­licht eine sehr schnel­le Patient*innenversorgung, ist jedoch mit einem erheb­li­chen logis­ti­schen Auf­wand ver­bun­den. Vor dem Hin­ter­grund stei­gen­der Anfor­de­run­gen an Kli­ma­schutz und Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz stellt sich die Fra­ge, inwie­weit bestehen­de Struk­tu­ren wei­ter opti­miert wer­den kön­nen, ohne die Ver­sor­gungs­si­cher­heit zu beein­träch­ti­gen. Frü­he­re Ana­ly­sen wei­sen dar­auf hin, dass eine Reduk­ti­on von Lie­fer­fre­quen­zen unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen sowohl öko­lo­gi­sche als auch öko­no­mi­sche Vor­tei­le brin­gen könn­te. Gleich­zei­tig zei­gen prak­ti­sche Erfah­run­gen, dass sol­che Anpas­sun­gen nur im Zusam­men­spiel mit Lager­ka­pa­zi­tä­ten, Ver­sor­gungs­an­for­de­run­gen und bestehen­den Lie­fer­struk­tu­ren bewer­tet wer­den kön­nen.

Die EU-Kom­mis­si­on prüft aktu­ell ver­schärf­te Ver­sand­vor­schrif­ten für Arz­nei­mit­tel, die im Rah­men der deut­schen Apo­the­ken­re­form ein­ge­führt wer­den sol­len. Die­se sehen stren­ge­re Auf­la­gen für den Ver­sand­han­del vor, ins­be­son­de­re zur Sicher­stel­lung der Qua­li­tät und Wirk­sam­keit von Arz­nei­mit­teln wäh­rend Trans­port und Aus­lie­fe­rung – etwa durch kon­kre­ti­sier­te Vor­ga­ben zu Tem­pe­ra­tur­kon­trol­len sowie erwei­ter­te Nach­weis­pflich­ten. Die geplan­ten Ver­schär­fun­gen zie­len dar­auf ab, die Arz­nei­mit­tel­si­cher­heit und Ver­sor­gungs­qua­li­tät zu erhö­hen, könn­ten jedoch auch Aus­wir­kun­gen auf den grenz­über­schrei­ten­den Ver­sand­han­del haben. Aus Nach­hal­tig­keits­per­spek­ti­ve ist dies inso­fern rele­vant, als stren­ge­re Kon­trol­len und Qua­li­täts­stan­dards dazu bei­tra­gen kön­nen, Res­sour­cen­ver­schwen­dung durch unsach­ge­mä­ßen Trans­port zu redu­zie­ren und die Umwelt­be­las­tung durch fal­sche Lage­rung oder Ent­sor­gung von Arz­nei­mit­teln zu ver­rin­gern. Unklar ist jedoch bis­lang noch, inwie­weit Umwelt­vor­ga­ben für Ver­pa­ckungs­ma­te­ria­li­en, ins­be­son­de­re für Kühl­wa­re (etwa im Hin­blick auf Sty­ro­por­ver­pa­ckun­gen, Ther­mo­log­ger-Elek­tro­schrott oder Kühl­fahr­zeu­ge) und Rück­nah­me­sys­te­me erwo­gen wer­den.

Ein wei­te­rer Aspekt im Ver­trieb ist die zuneh­men­de Aus­la­ge­rung des Ver­triebs in der Phar­ma­bran­che über Con­tract Sales Orga­ni­sa­ti­ons (CSO). Für Phar­ma­un­ter­neh­men erge­ben sich dar­aus viel­fäl­ti­ge Vor­tei­le, dar­un­ter die Sen­kung ope­ra­ti­ver Kos­ten, eine Stei­ge­rung ope­ra­ti­ver Effi­zi­enz, die stär­ke­re Fokus­sie­rung auf For­schung und Ent­wick­lung sowie eine schnel­le­re Ska­lie­rung von Ver­triebs­ak­ti­vi­tä­ten ent­spre­chend der Markt­nach­fra­ge. Als Ver­kaufs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­ter in der nach­ge­la­ger­ten Lie­fer­ket­te neh­men CSOs auch unter Nach­hal­tig­keits­ge­sichts­punk­ten zuneh­mend ein tra­gen­de Rol­le ein. Mit ihren Leis­tun­gen ermög­li­chen sie es Phar­ma­un­ter­neh­men, eige­ne Nach­hal­tig­keits­zie­le ent­lang der nach­ge­la­ger­ten Lie­fer­ket­te zu ver­fol­gen. Ins­be­son­de­re in der digi­ta­len Inter­ak­ti­on zwi­schen CSOs, Leis­tungs­er­brin­gen­den und Patient*innen erge­ben sich Poten­zia­le, eine nach­hal­ti­ge bzw. kli­ma­freund­li­che Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung vor­an­zu­trei­ben.

  • Pilot­pro­jek­te zur Reduk­ti­on und Bün­de­lung von Lie­fer­fahr­ten soll­ten unter Berück­sich­ti­gung der Ver­sor­gungs­si­cher­heit sowie regio­na­ler Unter­schie­de geprüft
    wer­den. Dabei könn­ten Koope­ra­ti­ons­mo­del­le zwi­schen Apo­the­ken und Groß­händ­lern zur effi­zi­en­te­ren Tou­ren­pla­nung und Bün­de­lung von Lie­fe­run­gen bei­tra­gen.
  • Nach­hal­ti­ge Ver­triebs­struk­tu­ren sowie eine stär­ke­re Umset­zung nach­hal­ti­ger Ver­triebs­ak­ti­vi­tä­ten inner­halb der nach­ge­la­ger­ten Lie­fer­ket­te soll­ten geför­dert wer­den.
  • Kli­ma­freund­li­che Trans­port­lö­sun­gen und die Umstel­lung auf emis­si­ons­är­me­re
    Fahr­zeug­flot­ten im Phar­ma­groß­han­del und den Apo­the­ken soll­ten unter Berück­sich­ti­gung spe­zi­fi­scher Anfor­de­run­gen der Arz­nei­mit­tel­lo­gis­tik (z. B. Kühl­ket­ten oder Reich­wei­ten) geför­dert wer­den. Hier­bei könn­te auch eine Prä­mie für Elek­tro­au­tos und ‑trans­por­ter für Apo­the­ken erwo­gen wer­den, optio­nal in Kom­bi­na­ti­on mit Lade­infra­struk­tur (Wall­box) sowie erneu­er­ba­rer Ener­gie­ver­sor­gung am Stand­ort.
  • Kli­ma­zer­ti­fi­ka­te für Apo­the­ken und Groß­händ­ler, die nach­weis­lich nach­hal­ti­ge Logis­tik­prak­ti­ken umset­zen, soll­ten ein­ge­führt wer­den.
  • Die For­schung und Ent­wick­lung von umwelt­freund­li­che­ren alter­na­ti­ven Ver­pa­ckun­gen (z. B. Pilz­my­cel als Alter­na­ti­ve zu Sty­ro­por) soll­te unter Berück­sich­ti­gung der spe­zi­fi­schen Anfor­de­run­gen des Arz­nei­mit­tel­sek­tors geför­dert wer­den.

7. Ver­ein­heit­li­chung der Ent­sor­gung von Alt-Arz­nei­mit­teln stär­ker ver­ein­heit­li­chen

Die Ent­sor­gung von Alt­arz­nei­mit­teln in Deutsch­land ist seit 2009 für Apo­the­ken nicht mehr kostenneutral.43 Unver­brauch­te Medi­ka­men­te kön­nen grund­sätz­lich in Apo­the­ken oder an Schad­stoff­sam­mel­stel­len abge­ge­ben wer­den. Aller­dings bie­ten nicht­al­le Apo­the­ken eine Rück­nah­me an, da sie recht­lich nicht zur Annah­me von Alt-Arz­nei­mit­teln ver­pflich­tet sind und Zusatz­kos­ten nicht gedeckt sind. Dadurch besteht bis­lang kei­ne flä­chen­de­ckend ein­heit­li­che Rück­ga­be­struk­tur. Die Ent­sor­gung über den Haus­müll ist – gemäß den Emp­feh­lun­gen auf arzneimittelentsorgung.de – in den meis­ten Fäl­len ange­ra­ten.44

Physische Ansicht Portugal

Por­tu­gal: Bei­spiel für funk­tio­nie­ren­des Ver­ur­sa­cher­prin­zip bei Arz­nei­mit­tel­rück­ga­be

Por­tu­gal ver­fügt über ein natio­na­les Rück­nah­me­sys­tem für nicht ver­wen­de­te Arz­nei- mit­tel (human- und vete­ri­när­me­di­zi­nisch) namens SIGREM (Sis­te­ma Inte­gra­do de Recol­ha de Emba­la­gens e Medi­ca­ment­os fora de uso), das von Valor­med betrie­ben wird. Das Sys­tem umfass­te zunächst phar­ma­zeu­ti­sche Abfäl­le aus Haus­hal­ten und wur­de 2007 auf Vete­ri­när­arz­nei­mit­tel, phar­ma­zeu­ti­sche Ver­pa­ckun­gen aus Indust- rie und Groß­han­del sowie Ver­pa­ckun­gen von Kran­ken­haus­apo­the­ken und ande­ren Gesund­heits­an­bie­tern, ein­schließ­lich öffent­li­cher Apo­the­ken, ausgeweitet.64 Alt-Medi- kamen­te gel­ten in Por­tu­gal als Son­der­müll und wer­den in Ener­gie­ge­win­nungs­an­la­gen ver­brannt. Die Finan­zie­rung erfolgt über das gesetz­lich ver­an­ker­te Exten­ded Pro­du­cer Respon­si­bi­li­ty (EPR)-Prinzip, wonach die Her­stel­ler für die Samm­lung und Ent­sor­gung ihrer Pro­duk­te ver­ant­wort­lich sind. Die Kos­ten für die Her­stel­ler betra­gen 0,00512 €/ Packung (ohne Steuern).65 Por­tu­gal zeigt damit, wie das Ver­ur­sa­cher­prin­zip bei der Arz­nei­mit­tel­ent­sor­gung prak­tisch umge­setzt wer­den kann.

Physische Ansicht Frankreich

Frank­reich: Ener­ge­ti­sche Ver­wer­tung von Alt- Arz­nei­mit­teln

Der im Jahr 1993 in Frank­reich gegrün­de­te gemein­nüt­zi­ge Ver­ein Cycla­med hat die Auf­ga­be, die siche­re Samm­lung und ener­ge­ti­sche Ver­wer­tung abge­lau­fe­ner und unbe- nutz­ter Medi­ka­men­te zu gewähr­leis­ten. Für Apo­the­ken ist die Annah­me von Alt-Arz- nei­mit­teln von Pri­vat­per­so­nen kos­ten­frei. Sie wer­den in bereit­ge­stell­ten Behäl­tern gesam­melt und in Rah­men der täg­li­chen Belie­fe­rung abge­holt. Anschlie­ßend wer­den sie zu Ener­gie­ver­wer­tungs­an­la­gen trans­por­tiert und dort bei hohen Tem­pe­ra­tu­ren ver­brannt. So wer­den die Wirk­stof­fe zer­stört und poten­zi­el­le Umwelt­be­las­tun­gen redu­ziert. Gleich­zei­tig wird Ener­gie in Form von Wär­me oder Strom erzeugt, die aus- reicht um eine Stadt ganz­jäh­rig zu versorgen.66

Physische Ansicht Spanien

Spa­ni­en: Recy­cling und siche­re Ent­sor­gung im Auf­trag der Phar­ma­in­dus­trie

In Spa­ni­en orga­ni­siert SIGRE (Sis­te­ma Inte­gra­do de Gestión y Reco­gi­da de Enva­ses) das Rück­nah­me­sys­tem für Alt-Arz­nei­mit­tel: Patient*innen kön­nen unge­nutz­te oder abge­lau­fe­ne Medi­ka­men­te sowie deren Ver­pa­ckun­gen kos­ten­los in spe­zi­el­len Sam­mel- boxen („Pun­to SIGRE“) in Apo­the­ken abge­ben. Die gesam­mel­ten Arz­nei­mit­tel und Ver- packun­gen wer­den anschlie­ßend umwelt­ge­recht ent­sorgt, wobei ein beson­de­rer Fokus auf Recy­cling und siche­re Besei­ti­gung liegt, um Umwelt­be­las­tun­gen zu ver­mei­den. SIGRE ist eine gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on, die im Auf­trag der Phar­ma­in­dus­trie agiert und die kor­rek­te Ent­sor­gung sowie das Recy­cling der Mate­ria­li­en sicherstellt.67

Ver­fas­sungs­recht­lich lie­gen Haus­müll­ent­sor­gung und kon­kre­te Ent­sor­gungs­we­ge für Alt-Medi­ka­men­te bei den Kom­mu­nen bzw. Län­dern. Aus die­sem Grund besteht in Deutsch­land kein bun­des­weit ein­heit­li­ches Sys­tem, son­dern je nach Regi­on unter­schied­li­che Ent­sor­gungs­we­ge, dar­un­ter Rest­müll, Schad­stoff­mo­bi­le, Recy­cling­hö­fe sowie teil­wei­se die Rück­nah­me über Apo­the­ken.45

Der Gemein­schafts­ko­dex für Human­arz­nei­mit­tel (Richt­li­nie 2001/83/EG in der durch Richt­li­nie 2004/27/EG geän­der­ten Fas­sung) ver­pflich­tet die EU-Mit­glied­staa­ten, geeig­ne­te Sam­mel­sys­te­me für nicht ver­wen­de­te oder abge­lau­fe­ne Arz­nei­mit­tel bereit­zu­stel­len.46 In Deutsch­land besteht jedoch kei­ne ein­heit­li­che gesetz­li­che Rege­lung zur Umset­zung die­ser EU-Vor­ga­be. Ergän­zend bie­ten eini­ge Gemein­den alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten, etwa mobi­le Schad­stoff­sam­mel­stel­len, soge­nann­te „Medi-Ton­nen“ oder die Annah­me an kom­mu­na­len Recy­cling­hö­fen an, wodurch Verbraucher*innen ver­schie­de­ne regel­kon­for­me Optio­nen zur Ent­sor­gung von Arz­nei­mit­teln haben.47 Es gibt meh­re­re Rück­nah­me­sys­te­me inner­halb und außer­halb der EU. Schwe­den und Por­tu­gal haben bspw. Rück­nah­me­sys­te­me, die Apo­the­ken dazu ver­pflich­ten, Alt-Arz­nei­mit­tel anzu­neh­men, und zugleich die Finan­zie­rung eines sol­chen Sys­tems sicher­stel­len.

  • Die Wie­der­ein­füh­rung eines bun­des­weit ein­heit­li­chen Rück­nah­me­sys­tems für Alt-Arz­nei­mit­tel in Apo­the­ken, das für Apo­the­ken und Patient*innen kos­ten­frei ist, soll­te geprüft wer­den. Bis dahin ist sicher­zu­stel­len, dass die Infor­ma­ti­ons­platt­form, arzneimittelentsorgung.de mit aus­rei­chen­den Res­sour­cen aus­ge­stat­tet und stets aktua­li­siert wird, wenn Abfall­be­trie­be Ände­run­gen mel­den.
  • Die Ein­füh­rung einer erwei­ter­ten Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung zur Finan­zie­rung und Orga­ni­sa­ti­on der Sam­mel- und Ent­sor­gungs­sys­te­me soll­te auch in Deutsch­land für die Ent­sor­gung von Alt-Arz­nei­mit­teln erwo­gen wer­den.
  • Die Alt-Arz­nei­mit­tel-Ent­sor­gung soll­te in die EU-Abfall­rah­men­richt­li­nie inte­griert wer­den, um ein­heit­li­che, ver­bind­li­che Rege­lun­gen zu schaf­fen.
  • Bund und Län­der soll­ten ein gemein­sa­mes Maß­nah­men­pa­ket zur Har­mo­ni­sie­rung der Arz­nei­mit­tel­ent­sor­gung beschlie­ßen, um die EU Vor­ga­ben in ein kohä­ren­tes, föde­ral trag­fä­hi­ges Sys­tem zu über­füh­ren.

8. Stär­kung der Abwas­ser­be­hand­lung
zur Reduk­ti­on von Arz­nei­mit­tel­rück­stän­den

Durch unsach­ge­mä­ße Ent­sor­gung von Arz­nei­mit­teln über den Aus­guss oder die Toi­let­te, aber auch durch die Aus­schei­dung von Arz­nei­mit­tel­rück­stän­den nach der Ver­stoff­wech­se­lung, gelan­gen Wirk­stof­fe und Meta­boli­te ins Abwas­ser (Abbil­dung 2). Vie­le die­ser Wirk­stof­fe sind aus medizinischen/pharmakologischen Grün­den sta­bil, gut was­ser­lös­lich und bio­lo­gisch nur schwer abbau­bar. Her­kömm­li­che Klär­an­la­gen kön­nen sie daher nur unvoll­stän­dig ent­fer­nen, sodass sie als Spu­ren­stof­fe im Ober­flä­chen­was­ser und in Ein­zel­fäl­len auch im Trink­was­ser nach­weis­bar blei­ben. Beson­der häu­fig in der Umwelt nach­ge­wie­sen wer­den etwa jodier­te Rönt­gen­kon­trast­mit­tel, Epi­lep­sie-Medi­ka­men­te, schmerz- und ent­zün­dungs­hem­men­de Arz­nei­mit­tel, Anti­bio­ti­ka, Cho­le­ste­rin­sen­ker sowie Blut­druck­sen­ker. Aus die­sem Grund liegt in der Abwas­ser­be­hand­lung ein zen­tra­ler Hebel für den Umwelt­schutz.48

Die Was­ser­rah­men­richt­li­nie bün­delt ver­schie­de­ne Rege­lun­gen zum Schutz der euro­päi­schen Gewäs­ser. Die Richt­li­nie umfasst ins­be­son­de­re die Wie­der­her­stel­lung von umlie­gen­den Öko­sys­te­men, die Redu­zie­rung der Was­ser­ver­schmut­zung sowie die Gewähr­leis­tung eines nach­hal­ti­gen Was­ser­ge­brauchs durch Pri­vat­haus­hal­te und Unter­neh­men.49 Die Was­ser­rah­men­richt­li­nie wird in Deutsch­land durch die natio­na­le Ver­ord­nung zum Schutz der Ober­flä­chen­ge­wäs­ser (OGe­wV) und das Was­ser­haus­halts­ge­setz (WHG) umge­setzt. Die OGe­wV regelt die Ein­stu­fung und Über­wa­chung des öko­lo­gi­schen und che­mi­schen Zustands von Gewäs­sern durch ins­ge­samt 250 Mess­stel­len. Es erfol­gen Mes­sun­gen von che­mi­schen Stof­fen im Was­ser, in Schweb­stof­fen sowie in Fischen und Muscheln, da sich Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de in die­sen anrei­chern.50, 51 Schweb­stof­fe kön­nen dabei auch Rück­schlüs­se auf Ver­kaufs­trends von Arz­nei­mit­teln ermög­li­chen, sodass auf Grund­la­ge von Markt­da­ten zukünf­ti­ge Gewäs­ser­be­las­tun­gen vor­aus­ge­sagt wer­den kön­nen.

(eige­ne Dar­stel­lung, ange­lehnt an Umwelt­bun­des­amt (2024)73)

Infografik mit Symbolen zu Eintragsquellen von Arzneimitteln in die Umwelt, darunter Privathaushalte, Gesundheitseinrichtungen, Tierkliniken, Industrie, verbunden mit Eintragswegen wie unsachgemäßer Entsorgung, Ausscheidung über Toilette, Abwaschen und Kläranlagen.

In der Toch­ter­richt­li­nie über prio­ri­tä­re Stof­fe im Bereich der Was­ser­po­li­tik sind der­zeit 45 EU-weit gere­gel­te Schad­stof­fe fest­ge­legt. Zudem ent­hält sie Kri­te­ri­en zur Ermitt­lung signi­fi­kan­ter, anhal­tend stei­gen­der Schad­stoff­be­las­tungs­trends sowie Rege­lun­gen zu deren Umkehr. Dar­über hin­aus sind Maß­nah­men zur Begren­zung wei­te­rer Schad­stoff­ein­trä­ge in das Grund­was­ser enthalten.52, 53Derzeit befin­den sich Arz­nei­mit­tel noch nicht auf der EU-Lis­te der prio­ri­tä­ren Stof­fe. Im Rah­men der nächs­ten Über­ar­bei­tung der Richt­li­nie 2008/105/EG über Umwelt­qua­li­täts­nor­men könn­te sich dies ändern, da eini­ge Arz­nei­mit­tel bereits auf der „EUWatch-List“ ste­hen.54 Die­se Beob­ach­tungs­lis­te legt ein uni­ons­wei­tes Mess­pro­gramm für Stof­fe fest, für die bis­lang zu weni­ge Moni­to­ring­da­ten vor­lie­gen und die daher gezielt in reprä­sen­ta­ti­ven Gewäs­ser­pro­ben gemes­sen wer­den müs­sen. Sie umfasst bis zu 14 Stof­fe oder Stoff­grup­pen und ent­hält Vor­ga­ben zu Mess­ma­trix, Ana­ly­tik und Nach­weis­gren­zen. Sie wird alle zwei Jah­re aktua­li­siert.55

Neben der EU-Watch-List für prio­ri­tä­re Stof­fe exis­tiert eine natio­na­le Beob­ach­tungs­lis­te. Das UBA arbei­tet gemein­sam mit den Bun­des­län­dern an der Fest­set­zung von Umwelt­qua­li­täts­nor­men für Arz­nei­mit­tel­wirk­stof­fe, die als beson­ders pro­ble­ma­tisch ein­ge­stuft wer­den.56

Anwen­dung des Ver­ur­sa­cher­prin­zips in der Kom­mu­nal­ab­was­ser­richt­li­nie

Die novel­lier­te Kom­mu­nal­ab­was­ser­richt­li­nie (KARL) zielt dar­auf ab, Gewäs­ser bes­ser vor Abwas­ser­ver­schmut­zung zu schüt­zen und zugleich einen vor­sor­gen­den Gesund­heits­schutz zu gewähr­leis­ten. Sie ver­an­kert das Ver­ur­sa­cher­prin­zip, indem Indus­trie­sek­to­ren finan­zi­ell an der Ent­fer­nung von Stof­fen durch die Auf­rüs­tung auf eine vier­te Rei­ni­gungs­stu­fe in Klär­an­la­gen betei­ligt wer­den.57

Her­stel­ler bestimm­ter Arz­nei­mit­tel- und Kos­me­tik­pro­duk­te müs­sen min­des­tens 80 % der Kos­ten für Inves­ti­ti­on, Betrieb und Über­wa­chung die­ser zusätz­li­chen Rei­ni­gungs­stu­fe tra­gen. Die Höhe der Bei­trä­ge für die Pro­du­zen­ten ori­en­tiert sich am Ver­ur­sa­cher­prin­zip, d.h. sie bemisst sich „auf der Grund­la­ge von Men­ge und Gefähr­lich­keit“ der Stof­fe, die über ihre in Ver­kehr gebrach­ten Pro­duk­te im kom­mu­na­len Abwas­ser auf­tre­ten. Die rest­li­chen bis zu 20 % sol­len durch natio­na­le Finan­zie­rungs­bei­trä­ge (z. B. aus öffent­li­chen Mit­teln, Abwas­ser­ge­büh­ren oder durch Instru­men­te wie die Abwas­ser­ab­ga­be) gedeckt wer­den. Durch die­se Anwen­dung der erwei­ter­ten Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung sol­len Was­ser­ent­gel­te sozi­al trag­fä­hig blei­ben.58

Die Höhe der mit der vier­ten Rei­ni­gungs­stu­fe ver­bun­de­nen Kos­ten ist umstrit­ten. Eine vom Ver­band Kom­mu­na­ler Unter­neh­men e.V. (VKU) in Auf­trag gege­be­ne Stu­die pro­gnos­ti­ziert für den Aus­bau und den Betrieb der vier­ten Rei­ni­gungs­stu­fe in Deutsch­land bis 2045 Kos­ten in Höhe von rund 9 Mil­li­ar­den Euro.59 Anläss­lich des Tages der Umwelt 2025 appel­lier­ten der Deut­sche Städ­te­tag, der Deut­sche Land­kreis­tag, der Deut­sche Städ­te- und Gemein­de­bund sowie der VKU, dass die ver­ur­sach­ten Kos­ten der Phar­ma- und Kos­me­tik­in­dus­trie von den ent­spre­chen­den Her­stel­lern selbst getra­gen wer­den müss­ten. Sie beton­ten, dass die Umset­zung der Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung ein Bestand­teil der Natio­na­len Was­ser­stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung sei. Zugleich wur­de her­vor­ge­ho­ben, dass durch die EU-wei­te Rege­lung Wett­be­werbs­nach­tei­le gegen­über ande­ren EU-Her­stel­lern aus­ge­schlos­sen sei­en, da alle in der EU täti­gen Her­stel­ler – unab­hän­gig vom Pro­duk­ti­ons­stand­ort – zur Finan­zie­rung bei­tra­gen müs­sen. Ohne eine sol­che Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung wür­den die not­wen­di­gen Kos­ten allei­ne von den Gebührenzahler*innen vor Ort getra­gen wer­den müs­sen.60

Die Arz­nei­mit­tel­bran­che sieht die Daten­la­ge für eine Kos­ten­über­nah­me als unzu­rei­chend an und warnt vor Risi­ken für Ver­sor­gung und Wett­be­werbs­fä­hig­keit durch höhe­re Kos­ten, ins­be­son­de­re für den preis­sen­si­blen Gene­ri­ka-Markt.61 Eige­ne Kos­ten­schät­zun­gen der Bran­che fal­len deut­lich höher aus als die der VKU-Stu­die.62 Dem­nach wer­den allein für Deutsch­land jähr­li­che Kos­ten in Höhe von 1,6 bis 2,5 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr erwar­tet, für die EU sogar bis zu 13 Mil­li­ar­den Euro.

Im Hin­blick auf die Umset­zung der KARL ist zu beto­nen, dass die Mit­glieds­staa­ten bei der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Sys­tems Aus­wir­kun­gen auf Zugäng­lich­keit, Ver­füg­bar­keit und Bezahl­bar­keit von Arz­nei­mit­teln – ins­be­son­de­re für essen­zi­el­le und preis­güns­ti­ge Prä­pa­ra­te – berück­sich­ti­gen müs­sen. Die­se Aspek­te könn­ten pri­mär durch eine antei­li­ge öffent­li­che Mit­fi­nan­zie­rung oder ande­re flan­kie­ren­de Maß­nah­men adres­sie­ret wer­den.63

  • Die natio­na­le Umset­zung der erwei­ter­ten Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung soll­te expli­zit vor­se­hen, dass Bei­trä­ge für Human­arz­nei­mit­tel nach Gefähr­lich­keit und Sub­sti­tu­ier­bar­keit der Wirk­stof­fe gestaf­felt wer­den (z. B. höhe­re Sät­ze für hoch­pro­ble­ma­ti­sche, nicht essen­zi­el­le Wirk­stof­fe und gerin­ge­re für essen­zi­el­le, preis­güns­ti­ge Arz­nei­mit­tel).
  • Für essen­zi­el­le, ver­sor­gungs­kri­ti­sche und gene­ri­sche Stan­dard­the­ra­pien soll­te der Bund Mit­fi­nan­zie­rungs­in­stru­men­te – etwa Steu­er­erleich­te­run­gen oder ziel­ge­naue Inves­ti­ti­ons­bei­hil­fen – vor­se­hen, um zu ver­hin­dern, dass Bei­trä­ge ori­en­tiert an der erwei­ter­ten Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung nicht in Lie­fer­eng­päs­se oder Off­s­ho­ring mün­den.
  • Bund und Län­der soll­ten eine Prio­ri­sie­rungs­lis­te für Klär­an­la­gen fest­le­gen, in denen die vier­te Rei­ni­gungs­stu­fe aus Umwelt- und Kos­ten­sicht den größ­ten Nut­zen pro ein­ge­setz­tem Euro bringt. Für die­se Anla­gen soll­ten Aus­bau­fris­ten, Moni­to­ring­an­for­de­run­gen und Wirk­stoff­lis­ten ver­bind­lich fest­ge­schrie­ben wer­den.
  • Die Moni­to­ring­da­ten der Ober­flä­chen­ge­wäs­ser­ver­ord­nung (OGe­wV) zu Arz­nei­mit­tel­spu­ren soll­ten sys­te­ma­tisch genutzt wer­den, um die Lis­te der zu ent­fer­nen­den Stof­fe und die Aus­wahl der Behand­lungs­tech­no­lo­gien (z.B. Ozo­nung oder Aktiv­koh­le­fli­tra­ti­on etc.) regel­mä­ßig anzu­pas­sen.
  • Ergän­zend zur vier­ten Rei­ni­gungs­stu­fe soll­te die Bun­des­re­gie­rung eine natio­na­le Min­de­rungs­stra­te­gie für Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de ent­wi­ckeln oder die­se Aspek­te in die Natio­na­le Phar­ma­stra­te­gie inte­grie­ren. Dabei soll­ten Ver­schrei­bungs­leit­li­ni­en, Maß­nah­men zur sach­ge­rech­ten Anwen­dung und Abga­be von rezept­frei­en Arz­nei­mit­teln (Over-the-Coun­ter, OTC) und Ent­sor­gungs­kam­pa­gnen berück­sich­tigt wer­den, um tech­ni­sche Maß­nah­men der Abwas­ser­be­hand­lung wirk­sam mit Quell­maß­nah­men zu ver­zah­nen.

9. Fazit: Gesund­heits­för­de­rung ist die
nach­hal­tigs­te Maß­nah­me

Wie die­ser Poli­cy Brief gezeigt hat, gibt es an jedem Punkt des Lebens­zy­klu­ses eines Arz­nei­mit­tels poli­ti­sche bzw. regu­la­to­ri­sche Hebel, um die öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit zu ver­bes­sern ohne Ver­sor­gungs­si­cher­heit, Ver­sor­gungs­qua­li­tät oder Bezahl­bar­keit zu gefähr­den.

Einer der größ­ten Hebel liegt aber außer­halb die­ses Lebens­zy­klus, denn das nach­hal­tigs­te Arz­nei­mit­tel ist immer das, das nicht gebraucht wird. Daher ist die Ver­bes­se­rung der Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit durch gesund­heits­för­dern­de Lebens(um)welten, Anrei­ze für eine gesun­de Lebens­füh­rung, ein sta­bi­les Kli­ma sowie ver­stärk­te Prä­ven­ti­on und Gesund­heits­för­de­rung unver­zicht­bar. Hier­zu kön­nen die Akteurinnen im Arz­nei­mit­tel­be­reich – von Her­stel­lern über Apo­the­ken bis hin zu Ärztinnen – wich­ti­ge Bei­trä­ge leis­ten. Ent­schei­dend ist jedoch ein gesund­heits­för­der­li­che Gesamt­po­li­tik, die die­se Ansät­ze sys­te­ma­tisch unter­stützt.

Dank­sa­gung

Die Erstel­lung die­ses Poli­cy Briefs wur­de maß­geb­lich durch die akti­ve Mit­wir­kung und den wert­vol­len fach­li­chen Input einer brei­ten Palet­te von Akteur*innen aus Wis­sen­schaft, Gesund­heits­we­sen, Indus­trie, Ver­bän­den und der Zivil­ge­sell­schaft mit­ge­stal­tet.

Wir möch­ten fol­gen­den Orga­ni­sa­tio­nen unse­ren aus­drück­li­chen Dank für ihre kon­struk­ti­ve Teil­nah­me an den Arbeits­grup­pen sowie für den dar­über hin­aus­ge­hen­den wert­vol­len Aus­tausch aus­spre­chen:

AbbVie Deutsch­land GmbH & Co. KG, AOK Baden-Würt­tem­berg, Apo­the­ker ohne Gren­zen e.V., Bay­er AG, BKK Dach­ver­band, Buce­ri­us Law School, BUKO Phar­ma-Kam­pa­gne, Bun­des­ver­band der Phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie e.V. (BPI), Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Apo­the­ker­ver­bän­de (ABDA), Chie­si Farm­aceu­ti­ci, Chris­ti­an-Albrechts­Uni­ver­si­tät Kiel, Eco­lo­gic Insti­tu­te, Gemein­schafts­kran­ken­haus Havel­hö­he, Gesell­schaft für Wirt­schaft­lich­keit und Qua­li­tät bei Kran­ken­kas­sen (GWQ Ser­vice­Plus AG), Kom­pe­tenz­zen­trum für kli­ma­re­si­li­en­te Medi­zin und Gesund­heits­ver­sor­gung (KliMeG), Med­pe­ri­on GmbH, Merck Sharp & Doh­me (MSD), MEZIS e.V. Mein Essen zahl’ ich selbst, Nov­ar­tis, Phar­ma Deutsch­land, Phar­macists for Future, San­doz Deutsch­land / Hex­al AG, Pro Gene­ri­ka e.V., Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen (GKV-Spit­zen­ver­band), Sta­da Group, TZW: DVGW-Tech­no­lo­gie­zen­trum Was­ser, Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke und Umwelt­bun­des­amt.

Der inter­dis­zi­pli­nä­re Dia­log zwi­schen die­sen unter­schied­li­chen Stake­hol­dern hat maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, fun­dier­te und pra­xis­na­he Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zu ent­wi­ckeln. Wir hof­fen, dass die­se Zusam­men­ar­beit Impul­se für wei­te­re gemein­sa­me Initia­ti­ven setzt.

Lite­ra­tur

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  14. Ver­ord­nung (EU) 2024/1781 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. Juni 2024 zur Schaf­fung
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  51. Umwelt­bun­des­amt (2022). Mess­net­ze – Che­mi­sches Moni­to­ring. https://www.umweltbundesamt.de/themen/
    was­ser/flues­se/­ueber­wa­chung-bewer­tun­g/­mess­net­ze-che­mi­sches-moni­to­ring — mess­net­ze-che­mi­sches­mo­ni­to­ring-in-flie-und-bergangs­gews­sern [22.04.2026].
  52. Euro­pean Uni­on (2014). Com­mis­si­on Direc­ti­ve 20214/80/EU of 20 June 2014 amen­ding Annex II to Direc­ti­ve
    2006/118/EC of the Euro­pean Par­lia­ment and of the Coun­cil on the pro­duc­tion of ground­wa­ter against pol­lu­ti­on
    and dete­rio­ra­ti­on Text with EEA rele­van­ce. https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2014/80/oj [22.04.2026].
  53. Umwelt­bun­des­amt (2024). Kon­zep­te und Min­de­rungs­stra­te­gien. https://www.umweltbundesamt.de/konzepteminderungsstrategien [22.04.2026].
  54. Umwelt­bun­des­amt (2024). Kon­zep­te und Min­de­rungs­stra­te­gien. https://www.umweltbundesamt.de/konzepteminderungsstrategien [22.04.2026].
  55. Umwelt­bun­des­amt (2022). Che­mi­sche Qua­li­täts­an­for­de­run­gen und Bewer­tun­gen. https://www.
    umweltbundesamt.de/themen/wasser/gewaesser/fluesse/ueberwachung-bewertung/chemisch#chemischebewertungssysteme [22.04.2026].
  56. Umwelt­bun­des­amt (2024). Kon­zep­te und Min­de­rungs­stra­te­gien. https://www.umweltbundesamt.de/konzepteminderungsstrategien [22.04.2026].
  57. Umwelt­bun­des­amt (o.D.). FAQ zur Kom­mu­nal­ab­was­ser­richt­li­nie (KARL). https://www.umweltbundesamt.de/
    themen/wasser/abwasser/faq-zur-kommunalabwasserrichtlinie-karl#was [22.04.2026].
  58. Direc­ti­ve (EU) 2024/3019 (2024). Con­cer­ning urban was­te­wa­ter tre­at­ment (recast, Text with EEA rele­van­ce).
    https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A32024L3019 [22.04.2026].
  59. Ver­band Kom­mu­na­ler Unter­neh­men e.V. (2024). Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung: Was kos­tet die Pflicht zur vier­ten
    Rei­ni­gungs­stu­fe? https://www.vku.de/themen/preise-und-gebuehren/artikel/herstellerverantwortung-was-kostetdie-pflicht-zur-vierten-reinigungsstufe/ [22.04.2026].
  60. Deut­scher Städ­te­tag (2025). EU-Kom­mu­nal­ab­was­ser­richt­li­nie jetzt inklu­si­ve Her­stel­ler­ver­ant­wor­tung zügig
    in natio­na­les Recht umset­zen!. Gemein­sa­mer Appell der kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­de und des Ver­ban­des
    kom­mu­na­ler Unter­neh­men zum Tag der Umwelt 2025. https://www.staedtetag.de/presse/pressemeldungen/2025/
    appell-eu-kom­mu­nal­ab­was­ser­richt­li­nie-mit-her­stel­ler­ver­ant­wor­tung-in-natio­na­les-recht-umset­zen [22.04.2026].
  61. Phar­ma Deutsch­land e.V. (2025). Offe­ner Brief an die Gesund­heits­mi­nis­te­rin­nen und Gesund­heits­mi­nis­ter der
    Län­der. Ber­lin, 10. Juni 2025. https://www.pharmadeutschland.de/index.php?id=1&type=565&file=redakteur_
    filesystem/public/Pressemitteilungen/20250610_PM_Brief_Gesundheitsministerkonferenz_Anlage_Brief.pdf
    [22.04.2026].
  62. Phar­ma Deutsch­land e.V. (2025). Der Kom­mu­nal­ab­was­ser­richt­li­nie (KARL) in Deutsch­land fehlt eine
    ver­läss­li­che Kos­ten­schät­zung. https://www.pharmadeutschland.de/pressemitteilungen/news/artikel/derkommunalabwasserrichtlinie-karl-in-deutschland-fehlt-eine-verlaessliche-kostenschaetzung/ [22.04.2026].
  63. Direc­ti­ve (EU) 2024/3019 of the Euro­pean Par­lia­ment and of the Coun­cil of 27 Novem­ber 2024 con­cer­ning urban
    was­te­wa­ter tre­at­ment (recast). eur-lex.europa.eu/eli/dir/2024/3019/oj/eng [22.04.2026].
  64. Valor­med (2024). Sig­rem. https://valormed.pt/como-fazemos/sigrem/ [22.04.2026].
  65. OECD (2022). Manage­ment of Phar­maceu­ti­cal House­hold Was­te. Limi­ting Envi­ron­men­tal Impacts of Unu­sed
    or Expi­red Medi­ci­ne. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2022/05/management-ofpharmaceutical-household-waste_00c2e697/3854026c-en.pdf [22.04.2026].
  66. Cycla­med (2026) Cycla­med. https://www.cyclamed.org/cyclamed/ [22.04.2026].
  67. Sig­re (2026). What is SIGRE. https://sigre.es/ [22.04.2026].
  68. Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit (2021). Nach­hal­tig­keit für Gesund­heit und Pfle­ge: Nach­hal­tig­keits­be­richt
    2021 des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/
    publi­ka­tio­nen­/­de­tail­s/­nach­hal­tig­keit-fuer-gesund­heit-und-pfle­ge-nach­hal­tig­keits­be­richt-2021-des­bun­des­mi­nis­te­ri­ums-fuer-gesund­heit [23.04.2026].
  69. Umwelt­bun­des­amt (2023). Teil­be­richt: Arbeits­plan zur Ver­an­ke­rung der The­ma­tik Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de
    in der Umwelt in der Leh­re medi­zi­ni­scher und phar­ma­zeu­ti­scher Beru­fe. https://www.umweltbundesamt.de/
    system/files/medien/11850/publikationen/texte_75_2023_arbeitsplan_verankerung_arzneimittelrueckst_0.pdf
    [22.04.2026].
  70. Umwelt­bund­s­amt (2023). Teil­be­richt: Arbeits­plan zur Ver­an­ke­rung der The­ma­tik Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de in
    der Umwelt in der Leh­re medi­zi­ni­scher und phar­ma­zeu­ti­scher Beru­fe. https://www.umweltbundesamt.de/
    system/files/medien/11850/publikationen/texte_75_2023_arbeitsplan_verankerung_arzneimittelrueckst_0.pdf
    [22.04.2026].
  71. AWMF (2024). S2k-Leit­li­nie Kli­ma­be­wuß­te Ver­ord­nung von Inha­la­ti­ve. https://register.awmf.org/de/leitlinien/
    detail/053–059 [22.04.2026].
  72. Umwelt­bun­des­amt (2023). Teil­be­richt: Arbeits­plan zur Ver­an­ke­rung der The­ma­tik Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de
    in der Umwelt in der Leh­re medi­zi­ni­scher und phar­ma­zeu­ti­scher Beru­fe. https://www.umweltbundesamt.de/
    system/files/medien/11850/publikationen/texte_75_2023_arbeitsplan_verankerung_arzneimittelrueckst_0.pdf
    [22.04.2026].
  73. Umwelt­bun­des­amt (2025). Ein­trag, Vor­kom­men, Wir­kun­gen von Arz­nei­stof­fen in der Umwelt. https://
    www.umweltbundesamt.de/eintrag-vorkommen-wirkungen-von-arzneistoffen-in#berall-in-der-umweltwerdenarzneistoffe-nachgewiesen [22.04.2026]

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